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Parallelgeschichten

Parallelgeschichten

Titel: Parallelgeschichten Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Péter Nádas
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Gefahr nicht zur Kenntnis, als sei er von der Lektüre gefesselt, er hielt sich nicht fest. Aber er wartete mit eingezogenem dünnem Hals auf das nächste Geschoss und riskierte viel. Er versuchte, wenigstens sein Gesicht mit dem Buchdeckel zu schützen, aber natürlich immer zu spät, sie trafen ihn voll. Das wirkte lächerlich, auch konnte er das Gleichgewicht verlieren und herunterfallen.
    Irgendwann haben die von dem billigen Scherz genug und ziehen ab, wahrscheinlich rechnete er es sich so aus.
    Sie zogen erst recht nicht ab, sie wollten, dass er vom Baum kletterte.
    Von ihm da oben war nichts zu vernehmen.
    Dann soll er halt bleiben, wohin er geklettert ist.
    Wir werden ja sehen, wer’s länger aushält.
    Wenn er mit seinem Buch ein bisschen ruckte, um bequemer zu sitzen, kam gleich ein Stein geflogen. Aber auch dann, wenn er lange reglos saß.
    Das Unternehmen blieb nicht lange geheim, lärmend kam eine andere Bande daher, um nach Schwemmholz zu fischen, die ließen den kleinen buckligen Juden schon gar nicht vom Baum herunter.
    Sie beide hätte er noch um Gnade anflehen können, die aber nicht.
    Er und Bellardi konnten genauso gut nach Hause gehen.
    Als er eines Abends leicht angeheitert vom Weinberg zurückkam, wartete in der blitzsauberen Küche nicht nur das Abendessen auf ihn, sondern auch seine aufgeregte Mutter, im Duft des frisch gebackenen Weichselkuchens und mit einem ungeöffneten Telegramm, was ihn an Bellardis Brief aus der Triester Kadettenschule erinnerte, wie überraschend war auch der gewesen, jeder seiner Sätze.
    Jetzt ging Madzar manchmal schon aus dem Haus, um nicht zufällig da zu sein, wenn Bellardi unversehens kommen sollte, und um sich eine Überraschung zu bereiten, wenn er ihn beim Nachhausekommen antreffen würde.
    Obwohl davon nie die Rede gewesen war, kündigte Frau Szemző für den folgenden Tag ihr Eintreffen an.
    Madzar stand mit dem langen, eine Menge Erklärungen enthaltenden Telegramm in der Hand wie erschlagen da. Den ersten Satz hatte er noch ordentlich gelesen, die restlichen Sätze nur überflogen. Wie könnte er das verhindern. Er errötete vor den aufmerksamen Augen seiner Mutter. Bellardi liebt ihn also doch ganz stark. Eine Antwort war nicht möglich, um diese späte Stunde hatte die Post geschlossen. Er verstand nicht, was das sollte, oder was in dem Telegramm stand, er hätte nicht erwartet, dass Frau Szemző auf seine Arbeit so neugierig war, es war ihm ein zu großes Geschenk. Und was bedeutete, sie müssten eine offene Frage klären, während seine Mutter schon aufgeregt fragte, wer denn komme, und wann, und wie viele. Oder ob er nach Budapest fahren müsse. Kaum sei der Briefträger weg gewesen, habe sie jedenfalls schon mal ein Huhn geschlachtet. Ob sie denn noch eins schlachten solle. Das Gemüse für die Suppe habe sie geputzt, sie wolle sie in der Morgenfrühe aufs Feuer stellen, aber ihr Junge möge doch sagen, ob sie noch etwas Wurzelgemüse und Karotten ziehen solle. Diese mütterlichen Worte, so auch sämtliche vor seinen Augen flatternden Wörter des Telegramms, erreichten ihn von weit weg, oder gar nicht.
    Sie habe bereits schöne, zarte grüne Bohnen im Garten. Ein Glück, dass man nicht bloß auf der Insel was gepflanzt hat.
    Die Bohnen müsste man pflücken, solange es noch nicht ganz dunkel ist, sie würde dann Bohnen mit Brösel machen.
    Als könnte Frau Szemző mit diesen umständlichen Erklärungen verbergen, warum sie kam und warum so plötzlich.
    Sein erster Gedanke war, beim Sodaverkäufer Wasser zu holen, damit die anspruchsvolle Frau Szemző nicht das Stinkwasser aus ihrem Brunnen trinken musste. Mit diesen kostspieligen Wörtern verriet sie, dass ihr ganzer Stolz und ihre ganze Zurückhaltung zusammengebrochen waren, dass sie es ohne ihn nicht mehr aushielt. Dass sie jeglichen Anstand und guten Geschmack außer Acht ließ, dass sie allen gesellschaftlichen Unterschieden zum Trotz kam.
    Er wurde grenzenlos gut gelaunt und aufgeregt.
    Sogleich kam ihm Frau Szemzős hässliches Pferdegebiss in den Sinn, ihr nackter Gaumen, wenn sie lachte.
    Es würde also doch geschehen.
    Vom bloßen Gedanken wurde ihm der Schwanz steif, seine Schließmuskeln verengten sich. Wie soll man aber seiner Mutter mitteilen, dass eine verheiratete Frau zu Besuch kommt. Er faltete das Telegramm rasch zusammen, steckte es sich weitgehend ungelesen in die Tasche. Denn gleich war ihm der Gedanke gekommen, und der erschreckte ihn wirklich, dass Bellardi genau an dem

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