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Pas de deux

Pas de deux

Titel: Pas de deux Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Philippe Djian
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sagen, und versuchte mich zu erinnern, wo ich mein Glas gelassen hatte. Und ich biß die Zähne zusammen, denn ich war sicher, nur Stuß hervorzubringen, wenn ich irgend etwas sagen würde, jedes meiner Worte war verflucht.
    Ich hielt es für schlau, die Küche zu verlassen. Bevor ich mir noch in den Finger schnitt oder etwas umwarf und mich vor ihr zu einer weiteren Tölpelei hinreißen ließ – und ich sah es unweigerlich kommen –, wechselte ich lieber die Tapeten.
    Außer Atem, die Gedanken durcheinandergewirbelt, kreuzte ich im Wohnzimmer auf. Ich schenkte mir ein Glas voll und lehnte mich mit dem Rücken gegen die Wand. »Versuch an nichts zu denken«, riet ich mir.
    Im Stehen oder gar mit den Füßen zu spielen, hatte ich nicht bei Nadia Boulanger gelernt. Ich hatte mich dessen nie vor ihr gerühmt. Doch aufgrund der Art, wie ich mitunter in die Tasten griff, hatte sie mir einige Fragen gestellt, und ich hatte eingeräumt, daß ich bisweilen aus Spaß ein paar Jazzakkorde anschlüge, wenn Georges nicht lockerließ. Was überdies stimmte. Er vergoß fast eine Träne über meiner Schulter, wenn ich ihm ein Stück von Monk vorspielte, und begleitete mich mit seiner rauhen Stimme, während er im Morgenlicht schwankte und sich die anderen daran machten, ein wenig aufzuräumen. Jedenfalls hatte sie mich ersucht, es nicht zu übertreiben, da man sich dabei gewisse Nachlässigkeiten aneigne, und ihre Nasenflügel weiteten sich, sobald meine Hände ein wenig durchhingen.
    Ich konnte mir nicht vorstellen, wie sie reagiert hätte, wenn sie mich Great Balls of Fire hätte spielen hören. Alex zufolge, der die Aufnahmen der Dick Clark Saturday Night Show miterlebt hatte, kam ich der Originalversion sehr nahe, und er fand das Ergebnis äußerst überzeugend. Jedenfalls hatte ich immer großen Erfolg, wenn ich mich an das Repertoire von J.-L. Lewis machte. Aber an diesem Abend war ich nicht bei der Sache, und sie hatten mich mehr oder weniger zum Klavier schieben müssen.
    Ich hatte eine Weile gebraucht, bis ich angefangen hatte. Aber als sie näher trat, schwitzte ich bereits. Ich war dermaßen in Fahrt, daß nur ein ausgemachter Schlaumeier die Wirkung ausgemacht hätte, die sie auf mich ausübte. Hätte ich – sie war mitten im Refrain gekommen – einen Schrei ausstoßen können, der nicht in meinem Grölen untergegangen wäre? War ich hochgefahren, wo es mich sowieso nicht an meinem Platz hielt und meine Beine, mein Kopf, meine Arme wie wild zuckten? War ich rot oder war ich blaß geworden, wo doch mein Gesicht nur noch eine leuchtende, vor Anstrengung verzerrte Laterne war?! Ich konnte sie beruhigt aus meinen weit aufgerissenen Augen anstarren, alle Welt sah ohnehin nur Feuer darin.
    Sobald ich sie lächeln sah, legte ich mich von neuem ins Zeug. Ich kannte genug Stücke, um ihr jedes Lächeln zu entlocken, dessen sie fähig war, zur Not hätte ich welche erfunden. Das Instrument war ein kleiner Stützflügel. Sie hatte ihren Bauch gegen die Kante gedrückt, und mir war, als fühlten sich die Tasten anders an, vor allem wenn ich einen Blick in ihren Ausschnitt fallen ließ. Ich reihte eine Melodie an die andere, ich wagte es nicht innezuhalten, aus Angst, den Zauber zu zerstören. Meine Kehle brannte, meine Finger schmerzten, und ich begriff nicht, was mir plötzlich widerfuhr, ich hatte vor lauter Halbdunkel vergessen, daß es eine sonnige Seite gab.
    Wie dem auch sei, irgendwie konnte ich nicht mehr. Am liebsten hätte ich weitergemacht, aber ich hatte das Gefühl, ich würde Blut spucken, wenn ich nicht aufhörte. Also warf ich einen Blick in die Runde und erkannte, daß sie ebenfalls kaputt waren. Begeistert, aber völlig erschöpft. Ein paar Bekloppte kamen zwar und baten mich um eine letzte Anstrengung, jemand unterstand sich sogar, die blutleeren Versionen vorzuschlagen, die im Radio liefen und in denen die Franzosen das Original schamlos ausweideten und schwachsinnig-verklärt verhunzten. Sie sagte ihnen, sie sollten mich in Ruhe lassen. Sie holte mir ein Glas Wasser.
    »Können wir über etwas anderes reden als über Poesie?« murmelte sie, während sie sich zu mir hinüberbeugte.
    »Natürlich!« antwortete ich. »Hast du eine bessere Idee?«
     
    Es kam mir sehr schnell so vor, als wäre die Sache gelaufen, und sogleich fühlte ich mich wie ein anderer Mensch. Jetzt, da die Furcht von mir gewichen war, erneut einen Korb zu erhalten – ich hatte mich nicht auf ihren Schoß gesetzt, sondern im Gegenteil

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