Risse in der Mauer: Fünf Romane (German Edition)
nach zwei Wochen mit horrenden Fehlschlägen.
Ich rief im Reichsmuseum an. Johansson war tatsächlich da. Nach zehn Sekunden hatte ich ihn an der Strippe.
– Grüß dich, sagte ich. Wie geht’s dir? Ich wollte nur mal anrufen, um zu hören, wie es dir geht. Ich habe kein besonderes Anliegen.
– Prima, sagte er. Er klang sehr munter.
– Ich habe angefangen, Mäusen ausschließlich Schmelzwasser vom Kahlschlag in Rörbäcksnäs zu geben. Zu trinken also, zu fressen...
– Um Gottes willen, sagte ich. Das ist eine ganz gewöhnliche offene Telefonleitung.
– Ja, ich weiß, was du meinst. Und dann habe ich natürlich eine Kontrollgruppe. Die kriegen nur gewöhnliches Wasser. Jetzt kommt es drauf an. Wenn es da irgendwas gibt, wird es sich vermutlich zeigen.
– Wie bald?
– Das weiß kein Mensch. Wir wissen ja nicht, was es für eine Inkubationszeit oder Wirkungszeit hat. Wir wissen nicht, wieviel davon nötig ist. Es kann Monate dauern, vielleicht auch über ein Jahr. Ich habe mir zwölf Kästen mit Oberflächenschnee schicken lassen.
– Wer zum Teufel schickt dir Schnee?
– Eine meiner Doktorandinnen. Ein gescheites Mädchen, sie war letzte Woche da oben. Es wurde höchste Zeit. Sie wollen gleich daneben mit einem neuen Kahlschlag anfangen.
– Du, mir sind da einige Zweifel gekommen.
– Weshalb denn?
– Ach, darüber kann ich jetzt nicht reden. Komm doch Anfang nächster Woche mal vorbei.
Er nahm es viel schwerer, als ich je gedacht hätte. Er saß wie üblich im Besucherstuhl und klopfte hilflos mit dem Knöchel auf seine Silberdose.
– Du willst also sagen, daß ich nicht weitermachen darf? Aber warum denn zum Teufel?
– Es geht einfach nicht. Es ist zu vage.
– Aber wer kann denn beurteilen, was hier zu vage ist, du oder ich?
– Es tut mir leid, wahnsinnig leid. Aber ich muß die Dinge aus einer größeren Perspektive sehen als du. Wir haben große, verdammt große Projekte, auf die wir uns konzentrieren müssen. Die gesamte Kernkraftplanung. Du bist eine große Autorität auf biologischem Gebiet. Es geht jetzt nur um die Ausnützung der Kapazitäten. Darauf müssen wir die Kommission und dich ausrichten.
Ich wurde immer trauriger, als ich sah, wie bestürzt er war. Seine große, hilflose Knechtshand klopfte unablässig auf die Silberdose. Verdammt noch mal, immerhin war er doch der einzige Mensch, den ich hier wirklich mochte.
– Ich kann dir gar nicht sagen, sagte ich, wie leid es mir tut. Aber ich trage die Verantwortung, die gesamte Verantwortung für alles, was hier geschieht. Ich bin nicht machthungrig. Ich habe mich nicht um diese Arbeit gerissen. Ich denke genauso oft an diese Menschen wie du. Aber man muß auch an andere Menschen denken. Und du hast wirklich keinen einzigen konkreten Anhaltspunkt geboten, nichts, was handgreiflich wäre. Bei deinen Mäusen spielt sich ja nichts ab.
Reg dich bitte nicht auf. Versuch doch mal, die ganze Sache von meinem Standpunkt aus zu sehen.
In der folgenden Woche legten wir die Richtlinien für die Gesamtplanung fest. Ich übernahm Wittfogels Idee einer regionalen und kommunalen, natürlich geheimen Organisation für Katastrophen bei einer Verseuchung durch radioaktives Material und bei Reaktorunfällen. Johansson war dabei. Alles lief unwahrscheinlich gut. Ich erkannte, daß man den Verwaltungsapparat der Kommission aktivieren konnte, wenn man nur sozusagen einen Stein unter das Brecheisen legte.
Wir beschlossen, schon am 10. April ein vorbereitendes Treffen mit Vertretern des Provinziallandtags und Gemeindeverbands abzuhalten. Wir brauchten dazu natürlich die Einwilligung des Ministers, aber das war kein Problem.
Wir dachten an eine Organisation mit Kontaktleuten in allen Gemeinden ab einer bestimmten Größe und regionalen Kontaktleuten an anderen Stellen. Die Kontaktleute könnten in Zusammenarbeit mit der Polizeidirektion ernannt werden. Das polizeiliche Nachrichtennetz und der gesamte Polizeifunk würde in Katastrophensituationen eingesetzt werden können. Normalerweise würden die Kontaktleute natürlich völlig unabhängig arbeiten, nur uns unterstellt. Sie sollten monatliche Berichte schicken und eine Anzahl von Dosimetern kontrollieren, die an verschiedenen Punkten in dem regionalen Überwachungsgebiet aufgestellt waren.
– Ich bin froh, daß du es so aufgenommen hast, sagte ich in der Garderobe zu Johansson.
– Was zum Teufel soll ich denn sonst tun. Ich mache auf eigene Faust weiter, im Reichsmuseum.
– Deinen
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