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Risse in der Mauer: Fünf Romane (German Edition)

Risse in der Mauer: Fünf Romane (German Edition)

Titel: Risse in der Mauer: Fünf Romane (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Lars Gustafsson
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Mäusen geht es gut?
    – Im großen und ganzen, ja. Eine ist neulich von den andern aufgefressen worden.
    – Bad luck.
    – Kann man wohl sagen. Aber mir bleiben noch ein paar Hundert.
    – Schlag nur Lärm, wenn du etwas entdeckst.
    Er war schon an der Tür. Er sah mich ein bißchen sonderbar, ein bißchen zwinkernd über den Rand seiner Brille hinweg an. Es war ein merkwürdiger Blick. Ich hatte ihn noch nie an ihm gesehen.
    – Das werde ich schon tun, verlaß dich drauf.
     
    Die zweite Märzwoche in jenem Jahr. Ich werde sie nicht so leicht vergessen. Jetzt begann eine Reihe von diesen ganz klaren, sonnigen Tagen, richtig warm und so schön, daß es weh tat.
    Eins der ersten Dinge, die ich an einem der ersten Morgen tat, war, Agneta Tillich anzurufen.
    – Wie geht es dir?
    – Es ist jetzt vorbei.
    – Was ist vorbei?
    – Er ist jetzt in die Nervenklinik eingeliefert worden.
    – Dein Mann?
    – Er hat aufgehört zu reden. Er saß nur ganz still in einem Stuhl und starrte vor sich hin. Es war nichts zu machen.
    – Wäre es gut, wenn wir uns sehen würden?
    – Ich weiß nicht. Ja, vielleicht doch. Ich fahre nach Skåne hinunter. Ich hab mich auf unbestimmte Zeit beurlauben lassen. Ich möchte bei Freunden auf dem Land draußen wohnen.
    – Warum nur?
    – Ich weiß es nicht, Lars. Ich weiß es einfach nicht. Ich habe Tag und Nacht darüber nachgegrübelt, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Es ist so unheimlich. Als hätte er es einfach satt bekommen. Er ist doch so aktiv und erfolgreich gewesen. Er hat ein enorm aktives Leben geführt. Und dann auf einmal...
    Die Stimme verschwand gleichsam unter der Oberfläche. Ich glaube nicht, daß sie weinte, ich glaube, sie fing ganz einfach an zu denken, statt zu reden.
    – Wann fährst du?
    – Ende der Woche, glaube ich.
    – Ich will versuchen, dich vorher da draußen zu besuchen.
    – Tu das nur, das wäre gut.
    – Kannst du schlafen?
    – Ja, ein bißchen. Ich nehme übrigens Schlaftabletten.
    – Diese Freunde in Skåne...
    – Ja.
    – Sind sie nett?
    – Es ist eigentlich nur einer, ein einziger. Ein alter Freund, den ich schon lange vor meiner Heirat gekannt habe. Er ist jetzt auch allein. Seine Frau ist letztes Jahr gestorben.
    – Ich verstehe.
    Ich versprach, sie wieder anzurufen. Ich konnte nicht umhin, eine aggressive, blödsinnige Eifersucht zu empfinden. Warum hat sie sich nicht an mich gewandt? Warum hat sie nicht mich um Hilfe gebeten?
    Niemand bittet mich je um Hilfe. Es ist, als seien sie ganz sicher, daß ich ihnen keine zu bieten hätte.
     
    Am Dienstag ging ich die vorläufigen Richtlinien für unsere Bereitschaftsplanung und unsere Konferenz mit Regierungsvertretern durch. Es waren ganz wenige und einfache Fragen. Wir waren ganz offensichtlich auf dem richtigen Weg, wir würden grünes Licht bekommen. Es brachte mich in eine richtig gute Stimmung, daß man unsere Maßnahmen und Pläne offenbar als Selbstverständlichkeit ansah. Wir trafen, kurz gesagt, auf das, was man einen positiven Geist nennt. Fryxell, mein alter Kumpel vom Kgl. Uppländischen Regiment, der auch dabei war, zeigte sich richtig respektvoll. Er fand, wir hätten in dieser kurzen Zeit verdammt viel erreicht.
     
    Als ich vom Kanzleigebäude zurückkam, saß Johansson unangemeldet da und erwartete mich. Er war ganz rotäugig, ungefähr als hätte er im Rauch eines offenen Kamins mit feuchtem Holz gesessen.
    – Was hast du denn für schrecklich rote Augen, sagte ich, um die Stimmung ein bißchen aufzuheitern.
    Hast du eine Sauftour gemacht?
    – Nein. Ich habe fast sechzehn Stunden lang am Mikroskop Blutkörperchen gezählt.
    – Au weh!?
    – Fünf von den Mäusen sind jetzt tot. Ich bin kein Experte, aber ich sehe keine andere Möglichkeit, als daß es Leukämie ist. Ich habe sie ans Staatliche Institut für Tiermedizin weitergeschickt.
    – Mein Gott! Aber bist du denn ganz sicher?
    – Sicher bin ich nicht, aber in ein paar Tagen bekomme ich das Ergebnis von dort. Es wird interessant sein zu hören, was du dann sagst.
    Ich überlegte, daß mir der Kopf rauchte. Ich kam zu keinem Schluß.
    – Ich weiß, daß du darauf pfeifen wirst. Wie das Ergebnis auch aussehen mag, du wirst darauf pfeifen, denn jetzt hast du dich entschieden.
    Wenn ich mich nicht täuschte, war er ein bißchen bleich, als er das sagte.
    – Deshalb habe ich beschlossen, die ganze Sache zu veröffentlichen, wenn du nichts unternimmst.
    – Herrgott noch mal, sagte ich. Das kannst du doch nicht machen.

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