Saemtliche Werke von Jean Paul
kann: so fleht er die Hoffnung und die Täuschung darum an; und beide zerteilen dann gern den Schmerz. So wie heute nach und nach am Himmel durch lichte Fugen das Blaue durchriß, und wie das Nebelmeer zu hängenden Seen einlief: so gingen auch in Viktors Seele die dunkeln Gedanken auseinander. – Und als die geschwollnen Wolkenklumpen im weiten Blau zu Flocken eingingen, bis endlich das blaue Meer alle Nebelbänke verschlang und nichts auf seiner unendlichen Fläche trug als die herunterlodernde Sonne: so reinigte sich auch Viktors Seele von Dünsten, und das Sonnenbild Emanuels, den er heute erreichen sollte, schien sanft und warm und wolkenlos in alle seine Wunden… Die Gestalt seines geliebten Dahore – die Gestalt seines geliebten Vaters – die Gestalt seiner verhüllten Mutter und alle geliebten Bilder ruhten wie Monde in einer wehmütigen Gruppe über ihm, und diese Wehmut und der heilige Schwur, tugendhaft zu bleiben und allen Wünschen seines Vaters zu gehorchen, wehten seiner entzündeten Brust einigen Trost über das väterliche Schicksal zu.
Er konnte heute noch die Sonne hinter Maienthals Kirchturm untergehen sehen.
Der weite ausgeheiterte Himmel macht ihn weicher – der Gedanke, heute an das Herz eines edeln Menschen zu fallen, dessen Seele über diesem blauen Dunstkreis wohnte, machte ihn größer – die Hoffnung, von diesem Menschen über das ganze Leben getröstet zu werden, machte ihn stiller. –
Er eilte, und sein Eilen zog den wehmütigsten Lautenzug seiner Seele. Denn er ging nicht über die Sommergefilde, sondern die Sommergefilde wandelten vor ihm vorüber – eine Landschaft nach der andern, Theater mit Wäldern, Theater mit Saaten flogen vorbei – neue Hügel stiegen mit andern Lichtern auf und hoben ihre Wälder empor, und andre sanken mit den ihrigen unter – lange Schatten-Steppen liefen zurück vor heranfließendem gelben Sonnenlicht – bald strömten Täler voll Blumen um ihn, bald erhoben ihn heiße leere Hügel-Ufer – der Strom rauschte nahe an sein Ohr, und plötzlich blinkten seine Krümmungen entfernt über Mohnfelder herüber – weiße Straßen und grüne Pfade begegneten und entflohen ihm und zogen um die weite Erde – volle Dörfer rückten mit glimmenden Fenstern vorbei und Gärten mit entkleideten Kindern – die gesenkte Sonne wurde bald erhoben, bald vertieft, bald auf Gipfel der Wälder, bald auf Gipfel der Berge gezogen –
Dieses Vorüberfliehen der Szenen verdunkelte sein benetztes Auge und erhellte die innere Welt; aber das Stehenbleiben eines unaufhörlichen Tones, dieses über ihm bleibende Lerchenchor, dessen streitende Rufe in seiner Seele zu einem zerflossen, dieses entfernte Getöne aus Wäldern und Büschen und Lüften, diese Harmonika der Natur machte, daß er zu sich sagte: »Warum halt’ ich in dieser Einsamkeit jeden Tropfen an, der fallen will? Nein, ich bin ohnehin heute zu weich, und ich will mich erschöpfen, eh’ ich den geliebten Menschen sehe.«
Endlich stieg er den breiten Berg hinauf, der sich vor das zu dessen Füßen grünende Maienthal mit seinen zerstreueten Baumsäulen und grauen Quadern stellt…. Da klang die vom Ewigen gestimmte Erde mit tausend Saiten; da bewegte dieselbe Harmonie den in Gold und Nacht zerstückten Strom und den sumsenden Blumenkelch und die bewohnte Luft und den durchwehten Busch; da standen der gerötete Osten und der gerötete Westen wie die zwei rosataftnen Flügeltüren eines Flügels aufgespannt, und ein hebendes Meer quoll aus dem geöffneten Himmel und aus der geöffneten Erde…
Er ergoß sich in Freuden- und Trauertränen miteinander, und die Zukunft und die Vergangenheit bewegten zugleich sein Herz. Die Sonne fiel immer schneller den Himmel herab, und er bestieg schneller den Berg, um ihr länger nachzusehen. Und hier sah er in das Dörfchen Maienthal hinab, das zwischen feuchten Schatten glimmte….
Zu seinen Füßen und an diesem Berge lagerte sich, wie ein bekränzter Riese, wie eine versetzte Frühlings-Insel, ein englischer Park. Dieser Berg gegen Süden und einer gegen Norden waren zu einer Wiege zusammengerückt, in der das stille Dörfchen ruhte, und über welche die Morgen- und die Abendsonne ihr goldnes Gespinst hindeckte. In fünf blitzenden Teichen schwankten fünf dunklere Abendhimmel, und jede aufhüpfende Welle malte sich im darüberschwebenden Sonnenfeuer zum Rubin. Zwei Bäche wateten in veränderlichen Entfernungen, von Rosen und Weiden verdunkelt, über den langen
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