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Samuel Koch - Zwei Leben

Samuel Koch - Zwei Leben

Titel: Samuel Koch - Zwei Leben Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Christoph Fasel
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mein Auto. Bewegung bestimmte mein Leben. Selbstbestimmte Bewegung. Da konnte ich meinen Beinen befehlen: „Los jetzt, wir traben ab!“ Ich musste nur die Richtung wählen, in die ich gehen wollte, der Rest ging von ganz alleine.
    Jetzt kann ich nicht mehr gehen. Mein Körper gehorcht mir nur in langsamen Schritten. Ich bin Realist: Es kann noch Jahre dauern, bis ich vielleicht mehr Herrschaft über meine Gliedmaßen zurückerobere. Und niemand kann mir sagen, ob es überhaupt gelingen wird.
    Aber ich glaube daran, dass es so sein wird. Und ich kämpfe mich Stück für Stück in eine Art Normalität zurück. Zum Beispiel mit Ausflügen, die meine Freunde oder meine Familie mit mir unternehmen. Doch was heißt da: Ausflug? Es ist schon eher eine Art Expedition, auf die wir uns aufmachen, wenn ich auf Reisen gehen will.
    Ich sitze in meinem hochtechnisierten Rollstuhl, angetrieben von 6 Elektromotoren, bedient durch einen Joystick und 23 Schalter, die an den unterschiedlichsten Stellen angeflanscht sind und die ich mit Kopfbewegungen und meinen an den Schultern hängenden Armen bedienen kann. So weit, so gut. Das Ding wiegt allein 190 Kilogramm, mit mir zusammen fünf Zentner. Keine leichte Fracht.
Die gedehnte Zeit
    Deshalb brauche ich ein Spezialauto. Wir haben mittlerweile einen umgebauten Voyager gebraucht erwerben können, der mit einer ausfahrbaren Rollstuhlrampe ausgerüstet ist. Das ist ein großes Privileg. Dort hinein kann ich meinen Rollstuhl selbst steuern. Normalerweise jedenfalls.
    Auch sonst muss noch einiges mit, wenn ich einen Ausflug mache: ein leichterer mechanischer Rollstuhl, die gesamte medizinische Ausrüstung, alles, was zum Thema Essen und Trinken gehört. In dem Wagen, in dem in der Normalversion sieben Menschen mitfahren können, bleibt nur noch Platz für vier. Das Beladen dauert nach einiger Übung rund eine halbe Stunde.
    Dann geht es los.
    Heute haben wir drei Termine: Erstens bei einem Hersteller von Behinderten-Hilfsgeräten auf der Schwäbischen Alb, wohin wir schon am Vorabend anreisen, um gleich um 9:00 Uhr früh dort sein zu können. Dann will ich zusammen mit meinen Eltern und meiner Schwester Elisabeth wenigstens einmal wieder ein bisschen Konsumluft schnuppern, und zwar in Metzingen. Ich habe viel Körpergewicht verloren, meine Kleider schlackern – ein bisschen schick muss aber sein, finde ich. Dann wollen wir noch am Nachmittag auf dem Weg zurück nach Hause für eine Stunde Freunde besuchen.
    Guter Plan. Machen wir auch alles. Treffen aber im Einkaufszentrum zufällig brasilianische Freunde, die ich aus München kenne, und kommen so bei unseren Freunden am Rand der Alb nach Technik-Termin und Einkaufsbummel erst gegen 21:15 Uhr an. Die Folgen des Unfalls verschieben meinen Zeitrahmen und meine Zeitmaßstäbe. Und damit auch für alle Menschen um mich herum.
    Es geht eben nichts mehr nebenbei, nichts mehr schnell oder nach dem Motto: „Das mache ich auch noch gleich mit!“ Der Unfall hat meine Sicht auf die Zeit fundamental verändert. Ich durchlebe seither eine brutale Entschleunigung, bedingt durch die Unfähigkeit, mich zu bewegen, und die technische Notwendigkeit, Hilfsmittel dafür einzusetzen. Mein Körper wird nun bewegt. Und das kostet Zeit.
    Deshalb verändert sich meine Vorstellung von Zeit genauso wie die tatsächlich gelebte Zeit. Und deshalb stehen wir auch erst spät am Abend vor der Haustür unserer Freunde statt um 16.00 Uhr wie geplant. Ist ja kein Problem – die Freunde sind durch Anrufe über den Verzug informiert, sie erwarten uns an der Haustür. Nun noch die Tür aufmachen, Auto absenken, Rampe ausfahren, Rollstuhl in Fahrtposition bringen, wenden, ausfahren. Kein Problem.
    Oder doch? Ich drücke auf den Knopf, der mich im Stuhl in eine aufrechte Position bringen soll. Außer einem leisen „Piep-Piep“ keine Reaktion. Nichts. Das blöde Ding tut es nicht.
    â€žDa ist bestimmt nur ein Kabel locker!“, sagt mein Vater. Was würde ich ohne sein technisches Verständnis machen? Schon krabbelt er auf allen vieren am Fahrgestell des Rollstuhls herum, die Taschenlampe im Mund, und prüft alle Kabel und Steckverbindungen. Die Suche bleibt erfolglos. An jeder Verbindung rüttelt er, steckt sie sorgsam aus und ein, prüft, ob kein Kabel abgeklemmt oder gelöst wurde. Die Reaktion meines Rollstuhls bleibt dieselbe:

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