Sarah Maclean
ihr
ein? Bisher hatte sie noch nie das Hinterteil eines Mannes an-
gestaunt.
Sie musste zusehen, dass sie den Raum verließ.
Wie gelähmt sah sie zu, wie er an den Rand des Raums trat,
seine Maske anlegte und den Stulpenhandschuh zurechtrückte.
Dann sah er sie an, winkte zu der Matte in der Raummitte, die
zum Kämpfen gedacht war. „Sollen wir?"
Sie starrte auf die Matte, ihr Verstand riet ihr dringend zur
Flucht, doch leider weigerten sich ihre Füße, dieser Aufforde-
rung nachzukommen.
„Sir", sagte Ralston, als spräche er zu einem Kind, „gibt es
irgendwelche Schwierigkeiten?"
Bei diesen Worten richtete sie den Blick auf ihn, konnte ihn
durch die Maske hindurch jedoch nicht genau sehen. Das erin-
nerte sie daran, dass es umgekehrt genauso war - er würde sie
nicht erkennen. Hier ist deine Chance! Jetzt kannst du wirklich
fechten!
Sie schüttelte den Kopf, um diese verrückten Einflüsterungen
zu verscheuchen. Ralston verstand diese Geste jedoch anders.
„Gut. Dann sollten wir anfangen."
Er ging in die eine Ecke der Matte und wartete dort auf sie,
während sie vor den Florett-Ständer in einer Ecke des Raums
trat, bei mehreren ausprobierte, wie sie in der Hand lagen, und
allgemein so tat, als wählte sie eins aus. Hauptsächlich verwen-
dete sie die Zeit darauf, sich zu beruhigen. Er kann mich nicht
sehen. Für ihn bin ich einfach irgendein Mann.
Natürlich war er für sie ganz gewiss nicht einfach irgendein
Mann ... doch sie schöpfte Mut daraus, dass sie quasi unsicht-
bar war. Ihre Gedanken rasten, sie versuchte sich jedes Detail
ihrer so mageren Fechterfahrungen in Erinnerung zu rufen -
die hauptsächlich darin bestanden, dass sie Benedick als jun-
gem Mann beim Angeben zugesehen hatte.
Das hier war ein schrecklicher Fehler.
Sie näherte sich der Matte, stellte sich Ralston gegenüber,
der die klassische Fechtstellung eingenommen hatte, den lin-
ken Arm erhoben, das Florett im ausgestreckten rechten Arm,
beide Beine gebeugt, vollkommen reglos und mit angespannten
Muskeln. Er nickte ihr zu und sagte: „En garde."
Callie atmete tief durch und nahm ebenfalls Fechtstellung
ein. In ihren Ohren rauschte das Blut. Betrunkene duellieren
sich schließlich auch, so schwer kann das wohl nicht sein.
Allerdings kamen in diesen Duellen auch immer wieder
Männer zu Tode.
Sie schob den Gedanken beiseite, wartete darauf, dass er den
Kampf eröffnete.
Das tat er auch, er machte einen Ausfall, richtete einen gera-
den Stoß direkt auf ihren Oberkörper. Callie unterdrückte ge-
rade noch einen Schrei des Entsetzens, geriet aber so in Panik,
dass sie mit ihrem Florett wild in die Luft hackte. Klirrend tra-
fen die Klingen aufeinander.
Ralston zog sich sofort zurück, als er bemerkte, mit welch un-
erfahrenem Gegner er es zu tun hatte. Sein Ton war trocken, als
er meinte: „Wie ich sehe, ist es mit Ihrer Fechtkunst nicht allzu
weit her."
Callie räusperte sich, senkte die Stimme und sagte leise: „Ich
bin Anfänger, Mylord."
„Das dürfte noch untertrieben sein, könnte ich mir vorstel-
len."
Bei diesem Worten ging Callie wieder in Fechtstellung. Rals-
ton tat es ihr gleich und meinte: „Wenn Ihr Gegner angreift,
versuchen Sie nicht, mit aller Kraft anzugreifen. Zeigen Sie ihm
nicht, wie weit Ihre Fähigkeiten reichen. Führen Sie ihn statt-
dessen in einen richtigen Kampf."
Callie nickte. Ralston griff sie erneut an, vorsichtiger dies-
mal. Er ließ sie mehrmals parieren, bevor er sie von der Mat-
te drängte. Sobald sie mit beiden Füßen auf dem Holzboden
stand, entließ Ralston sie aus seinem Angriff. Er drehte sich
um, nahm seinen Platz auf der Matte ein und wartete darauf,
dass sie nachkam. Diese Übung wiederholten sie mehrere Male,
Ralston unterwies sie in den Grundlagen der Fechtkunst und
bestärkte sie in ihrem Selbstvertrauen, sodass sie seine Stöße
energischer und mit mehr Festigkeit abwehrte.
„Viel besser", sagte er nach der vierten Runde ermutigend,
und Callie verspürte eine Woge der Wärme bei diesem Lob.
„Diesmal greifen Sie mich an."
Ralston angreifen? Callie schüttelte den Kopf. „Oh ... ich ...", wich sie aus.
Er lachte. „Ich versichere Ihnen, junger Mann, dass ich eini-
ges vertrage."
Die gesamte Übung gestaltete sich als weitaus umfangrei-
cher, als sie erwartet hatte. Aber jetzt konnte sie keinen Rück-
zieher mehr machen, oder? Sie stieß den Atem aus, bevor sie die
inzwischen vertraute Stellung einnahm
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