Schlaflos - Insomnia
geringfügiges Vergehen. Sieht so aus, als wäre ein weiterer Schuss im andauernden Abtreibungskrieg in Derry abgefeuert worden. Das war John Kirkland mit den Nachrichten auf Kanal Vier.«
»›Ein weiterer Schuss im …‹«, begann McGovern und warf die Arme hoch.
Lisette Benson war wieder auf dem Bildschirm erschienen. »Wir schalten jetzt um zu Anne Rivers, die vor weniger als einer Stunde mit zwei der sogenannten Friends of Life geredet hat, die nach der Demonstration heute Morgen verhaftet wurden.«
Anne Rivers stand auf den Stufen des Polizeireviers in der Maine Street, Ed Deepneau auf einer Seite, ein großes, blasses Individuum mit Ziegenbärtchen auf der anderen. Ed sah schick und richtiggehend stattlich in seiner grauen Tweedjacke und der Marinehose aus. Der große Mann mit dem Ziegenbärtchen trug etwas, was sich nur ein Liberaler in seinen kühnsten Träumen von angemessener Kleidung eines »Proletariers in Maine« ausdenken konnte: verblichene Jeans, verblichenes blaues Baumwollhemd, breite rote Feuerwehrhosenträger. Ralph brauchte nur einen Augenblick, bis er ihn identifiziert hatte. Es war Dan Dalton, Inhaber von Secondhand Rose, Secondhand Clothes. Beim letzen Mal hatte Ralph ihn hinter den hängenden Gitarren und Vogelkäfigen in seinem Schaufenster stehen und Ham Davenport gegenüber eine Geste machen sehen, die besagen sollte: Gibt irgendjemand auch nur einen Scheißdreck darauf, was du denkst?
Aber es war natürlich Ed, der seine ganze Aufmerksamkeit auf sich zog. Ed, der in mehr als einer Weise adrett und gefasst aussah.
McGovern schien offenbar ebenso zu fühlen. »Mein Gott, ich kann nicht glauben, dass das derselbe Mann ist«, murmelte er.
»Lisette«, sagte die gut aussehende Blondine, »ich habe hier bei mir Edward Deepneau und Daniel Dalton, beide aus Derry, beide gehören zu denjenigen, die heute Morgen nach der Demonstration festgenommen wurden. Ist das richtig, meine Herren? Wurden Sie verhaftet?«
Sie nickten, Ed mit einem winzigen Anflug von Humor, Dalton mit mürrischer, verkniffener Entschlossenheit. Bei dem Blick, den er Anne Rivers zuwarf, hätte man denken können - Ralph zumindest -, dass er sich zu erinnern versuchte, in welche Abtreibungsklinik er sie schon einmal mit gesenktem Kopf und vorgezogenen Schultern laufen gesehen hatte.
»Wurden Sie auf Kaution freigelassen?«
»Man hat uns nach Abgabe eines persönlichen Kautionsversprechens entlassen«, antwortete Ed. »Die Vorwürfe waren geringfügig. Wir hatten nicht die Absicht, jemanden zu verletzen, und es ist niemand verletzt worden.«
»Wir wurden nur deshalb verhaftet, weil das gottlose verfilzte Machtgefüge in dieser Stadt ein Exempel an uns statuieren wollte«, sagte Dalton, und Ralph glaubte zu sehen, wie Ed kurz das Gesicht verzog. Ein Nicht-schonwieder-Ausdruck.
Anne Rivers schwenkte das Mikro wieder zu Ed.
»Der Schwerpunkt hier liegt nicht auf dem Philosophischen, sondern auf dem Praktischen«, sagte er. »Die Leiterinnen von WomanCare heben zwar gern ihre Familienberatung, ihre Therapieeinrichtungen, die kostenlose Mammografie und andere bewundernswerte Dienstleistungen
hervor, aber diese Einrichtung hat auch eine andere Seite. Ströme von Blut fließen aus WomanCare …«
»Das Blut Unschuldiger! «, kreischte Dalton. Die Augen in seinem langen, hageren Gesicht glühten, und Ralph kam eine beunruhigende Einsicht: Überall im östlichen Maine sahen sich Leute das an und dachten sich, dass der Mann mit den roten Hosenträgern verrückt sein musste, während sein Partner ein ziemlich vernünftiger Typ zu sein schien. Es hatte fast etwas Komisches.
Ed behandelte Daltons Einwurf als das Pro-Life-Äquivalent von Halleluja und wartete respektvoll eine Sekunde, bevor er fortfuhr.
»Seit fast acht Jahren findet dieses Gemetzel bei WomanCare nun schon statt«, sagte Ed zu ihr. »Viele Leute - besonders radikale Feministinnen wie Dr. Roberta Harper, die Geschäftsführerin von WomanCare, betreiben gern mit Ausdrücken wie ›frühzeitiger Abbruch‹ Schönfärberei, aber in Wahrheit sprechen sie von Abtreibung - die höchste Form des Missbrauchs von Frauen in einer sexistischen Gesellschaft.«
»Aber muss man denn unbedingt mit unechtem Blut gefüllte Puppen gegen die Fenster einer Privatklinik werfen, um mit seinem Anliegen an die Öffentlichkeit zu treten, Mr. Deepneau?«
Einen Augenblick - ganz kurz, und schon wieder vorbei - verschwand das gutmütige Funkeln aus Eds Augen und wurde von etwas
Weitere Kostenlose Bücher