Schrei in Flammen
Bericht für Melby. Dann kriege ich wenigstens ein bisschen mit, wie sich das alles weiter entwickelt.«
»Gute Idee«, sagte Jens und spielte ihr Spiel mit.
»Okay.«
»Du kannst auch hier übernachten, das weißt du, oder? Unten im Keller sind ein paar gar nicht so schreckliche Wachräume.«
»Das klingt ja unwiderstehlich.«
»Genau so war’s auch gemeint.«
»Wir sehen uns morgen«, sagte sie und ging zur Tür.
»Ja. Fahr vorsichtig«, sagte Jens.
Dann war sie weg.
Er blickte noch lange auf ihren leeren Platz.
Sie machte etwas mit seinen Gedanken … wertete sie irgendwie auf. Vielleicht lag es daran, dass sie beide in die gleiche Richtung dachten und doch ganz unterschiedlich waren. Außerdem – und das konnte er sicher nicht leugnen – wollte er ganz ohne Zweifel Eindruck auf sie machen.
Jens machte sich daran, den Papierkram für den Haftrichter vorzubereiten. Eine Disziplin, die eindeutig nicht zu seinen Lieblingsbeschäftigungen zählte. Er hatte Schwierigkeiten, sich längere Zeit zu konzentrieren, und ließ sich nur zu gerne von allem Möglichen ablenken, wenn er etwas für einen Richter vorbereiten musste. Warum brauchten die aber auch immer solche Papierberge?
Er überprüfte sein Telefon, hatte aber keine SMS von seiner Tochter Simone erhalten. Sie hatte Tanztraining und wollte anschließend bei einer Freundin übernachten. Er wollte sie noch anrufen und sich erkundigen, wie es ihr ging. Ein Gespräch, das mit Sicherheit sehr kurz werden würde, denn am Telefon war sie immer extrem einsilbig und antwortete meist nur mit den Worten ja, nein und gut.
Sie hatte sich mit enormem Ehrgeiz und unbändigem Willen auf die Tanzstunden gestürzt. Es freute ihn, dass sie sich endlich für etwas interessierte, das gut für sie war. Anfang des Jahres hatte er sich noch ziemliche Sorgen gemacht, sie hatte eine Anzeige wegen Ladendiebstahls erhalten und ihn mehrfach angelogen. Das gesprächigste Wesen der Welt war sie noch immer nicht, aber das war in ihrem Alter vermutlich normal, dachte er und versuchte vergebens, sich daran zu erinnern, wie er selbst in ihrem Alter gewesen war.
Es fiel ihm noch immer extrem schwer, ihre Stimmungen einzuschätzen. Wer wusste schon, was hinter den braunen Mandelaugen eines Teenagers vor sich ging? Er hatte das Gefühl, als alleinerziehender Vater eines Mädchens ziemlich allein zu sein und immer nur reagieren zu können.
Simone war das schöne und unerwartete Resultat eines Ferienflirts in Paris vor vierzehn Jahren. Und als Simones Mutter sich ihrer Karriere widmen und eine Zeit im Ausland verbringen wollte, hatte seine Tochter es glücklicherweise vorgezogen, bei ihm zu wohnen.
Er warf einen Blick auf die Tafel. Das zentral in der Mitte hängende Bild von Maja strahlte ihm entgegen. Daneben hing das Foto ihrer verkohlten Leiche. Jens versuchte erneut, sich auf das Protokoll des Verhörs zu konzentrieren, auf die Zeugenaussagen, den Obduktionsbericht und die verschiedenen Berichte vom Tatort.
*
»Wollen wir nicht einfach hierbleiben, bis sie dicht machen?«
Eigentlich hätte Simone schon lange bei Emma sein sollen, aber sie konnte sich einfach nicht trennen, weshalb sie ihr per SMS mitgeteilt hatte, dass sie sich verspäten würde.
Camillo flirtete mit ihr, und er war wirklich der coolste Typ von ganz Dänemark. Sein Name war spanisch, das Doppel-l wurde wie ein »j« ausgesprochen – Camijo. Und er tanzte wie ein Traum, ein echtes Naturtalent.
»Warum nicht«, sagte sie und gab sich Mühe, nicht zu enthusiastisch zu klingen. Er sollte ja nicht glauben, dass sie sich am liebsten in seine Arme geworfen hätte.
Sie fläzten sich auf die großen alten Sofas, die im abgetrennten Eingangsbereich der Tanzschule standen. Der Besitzer hatte den Raum wirklich gemütlich eingerichtet, man konnte hier richtig chillen. Die Sofas waren gebraucht und alt, und an den Wänden war Graffiti, was dem Ganzen die richtige Atmosphäre gab. Sie hatten am Abend offenes Training und Battle gehabt und anschließend gemeinsam gegessen. Die Leute waren am Gehen, aber aus den Lautsprechern drang noch immer leise Reggaemusik. Simone und Camillo hatten die Füße auf den niedrigen Couchtisch gelegt und ließen ihre müden Körper tief in die weichen Polster sinken. Camillo drehte den Kopf leicht zur Seite und sah ihr tief in die Augen. Sie spürte seinen Blick bis runter in ihren Bauch.
»Hey, chica«, sagte er leise.
»Hola«, antwortete sie und sah ihn herausfordernd an.
»Du hast
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