Schrei in Flammen
hohes Risiko eingegangen war.
Es gab eine Geschichte zwischen Maja und ihrem Mörder.
Und in dieser Geschichte musste es eine Erklärung dafür geben, warum der Täter diese sehr spezielle Methode gewählt hatte. Genau diese Erklärung wollte Katrine finden.
Sie begann damit, die Listen durchzugehen, mit denen sie seit ihrer Zeit in England arbeitete. Damals hatte sie der Psychologieprofessorin Caroline Stone bei ihrer Arbeit für die Polizei assistiert. Die Zeit bei Stone war für Katrine eine Riesenchance gewesen, da die Professorin in ihrem Fachgebiet als Koryphäe galt und gerade mehrere Lehrbücher über das Thema Viktimologie – Opferstudien – geschrieben hatte. Katrine entschloss sich, eines von Stones Modellen für das Opferprofiling zu nutzen. Es erlaubte einen systematischen, gründlichen Ansatz, und sie begann damit, alle Gedanken, Eindrücke und Fakten, die sie im Laufe des letzten Tages gesammelt und notiert hatte, zu ordnen.
Opfer und Modus. Katrine begann immer mit den Punkten, für die es Beweise gab und die sie untersuchen konnte. Für sie war das wertvoller als alle Spekulationen und Vermutungen über den Mörder. In der einleitenden Phase einer Mordermittlung unterschied sich Katrines Vorgehensweise kaum von der klassischen Polizeiarbeit.
Sie machte sich ein paar Gedanken über die Mordmethode: Verbrennen. Wie kam man auf eine solche Idee? Und warum in einem Auto? Welche Überlegungen hatten den Täter zu dieser Wahl geführt? Katrine beschloss, etwas mehr über Brandstifter und deren Charaktereigenschaften zu recherchieren. Sie fand ein paar interessante Artikel sowie den Podcast einer Vorlesung eines Doktoranden aus Neuseeland, den sie sich am nächsten Morgen auf dem Weg zur Arbeit anhören wollte.
Opferprofiling.
Das Wort klang klinisch und tot, stand aber für einen gründlichen und einfühlsamen Prozess und eine Ermittlungsarbeit, die möglichst lebensnah sein sollte. Es kam darauf an, die Tote kennenzulernen, als wäre sie noch am Leben. Nicht bloß als Objekt, sondern als ganzen Menschen mit allen bekannten und unbekannten, guten und schlechten Seiten, die jeder von uns hat. Und das Wichtigste von allem war, so weit vorzudringen, dass man die Tiefe und die Konflikte der zwischenmenschlichen Beziehungen verstand, die sie gehabt hatte.
Ein Opferprofil beinhaltete verschiedene Elemente: eine Biographie mit beruflichem Lebenslauf und eine Zeitachse mit allen wichtigen Begebenheiten im Leben der Toten. Die Krankengeschichte – inklusive aller psychischen Krankheiten. Einen systematischen Überblick über alle familiären und sozialen Kontakte, aus dem man eine Gruppe von Verdächtigen herausschälen konnte. Eine Analyse des Lebensstils des Opfers und der Schwächen und Angriffspunkte, die dadurch bedingt waren. Ein Überblick über die finanzielle Situation des Opfers. Eine ausführliche Beschreibung der Persönlichkeit – bestenfalls so detailliert, als wäre man über Jahre hinweg der Therapeut des Opfers gewesen. Und schließlich eine psychologische Autopsie, nicht unähnlich dem Obduktionsbericht der Rechtsmedizin, der ja nur die physiologischen Funde dokumentierte. Eine psychologische Autopsie beschrieb so genau wie möglich, in welchem seelischen Zustand sich die Tote in den letzten vierundzwanzig Stunden ihres Lebens befunden hatte. Sollte es nötig sein, konnte man auch noch weiter zurückgehen.
Diese Methode war in den fünfziger Jahren in Los Angeles entwickelt worden, um den psychischen Zustand von Selbstmordopfern bis hin zu ihrem Tod zu ergründen, wenn es Zweifel daran gab, ob es sich wirklich um Selbstmord handelte oder nicht doch um einen Mord oder Unfall. Heute wurden psychologische Autopsien insbesondere von amerikanischen Versicherungsgesellschaften in Auftrag gegeben, wenn es Zweifel an einem Selbstmord gab. Sie wurden aber auch beim Militär angewendet, wenn man sich nicht zu hundert Prozent sicher über die Todesursache eines Soldaten war, ob dieser nun auf dem Schlachtfeld oder in der Kaserne gestorben war.
Katrine und andere Profiler hatten das Verfahren für ihre Arbeitsbereiche übernommen. Es enthielt lange, praktisch orientierte Listen wichtiger Fragen und Themen, die man untersuchen und beachten musste – unter anderem eine exakte Analyse aller Spuren eines möglichen Kampfes des Opfers mit seinem Mörder.
Katrine hatte bei solchen Arbeiten alle nur erdenklichen Schriftstücke von den Opfern gelesen: private Briefe, SMS , E-Mails, Blogs und
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