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Schwangerschaft ist keine Krankheit

Schwangerschaft ist keine Krankheit

Titel: Schwangerschaft ist keine Krankheit Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Jael Backe
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gehören, wie oben bereits angesprochen,
• eine engmaschige Betreuung (einschließlich Ultraschall) während der ersten drei Schwangerschaftsmonate,
• die ausführliche Besprechung der jeweils aktuellen Befunde,
• der frühzeitige Kontakt zu einem festen Ansprechpartner,
• das Angebot einer psychologischen Betreuung,
• das beruhigende Einwirken sowie eine freundliche und positive Ein­stel­lung des ganzen betreuenden Teams von der Arzthelferin bis zur Teamleiterin.
    Die deutsche Leitlinie zu wiederholten Fehlgeburten formuliert das empfohlene Vorgehen wie folgt: »Eine intensive, über das normale Maß hinausgehende Betreuung einer solchen Schwangerschaft sollte daher integraler Bestandteil der Therapie gerade in den ersten Schwangerschaftswochen sein.« (AWMF-Leitlinie Nr. 015/050). Dass Tender loving Care wirkungsvoll ist, habe auch ich immer wieder in der täglichen Praxis erfahren. Diese besonders intensive Zuwendung und aufrichtige einfühlsame Begleitung hilft besonders belasteten Paaren häufig.
Vor- und Nachteile
    Die Ärztin Martina Rauchfuss berichtet in einem Buch über ihre klinischen Erfahrungen mit der Methode der Tender loving Care, dass sie nicht nur bei Frauen mit unbekannter Ursache der wiederholten Fehlgeburten half, sondern sogar wenn organische Befunde vorlagen. Die intensive Be­zieh­ung hatte aber auch Nachteile: Es kam dazu, dass die Patientinnen alle Hoffnungen und Erwartungen mit der Ärztin persönlich verknüpften. Sie gaben jede Verantwortung und Kompetenz für den weiteren Verlauf der Schwangerschaft an diese ab. Das führte dazu, dass es bei mehrwöchiger Abwesenheit der zuständigen Ärztin wegen Urlaub oder Krankheit gerade in dieser Zeit zu Fehlgeburten bei den von ihr betreuten Frauen kam (Rauchfuss 1999). Was sind die Ursachen für die Wirksamkeit von Tender loving Care?
Ein kurzer Ausflug in die Psychologie der Schwangerschaft
    Die große alte Dame der Psychoanalyse und Schülerin von Sigmund Freud, Helene Deutsch, schrieb, dass im Verlauf der Schwangerschaft in einer Frau die Empfindung immer deutlicher werde, dass sie wirkliches Leben in sich trage und dass dieses Leben ihre Hingabe lebensnotwendig brauche. Deutsch schreibt: »… dass aus ihrer eigenen Kraft ein anderes Geschöpf entstehen (…) wird, diese schon nahende Zweiheit in der noch bestehenden Einheit ist vielleicht das stärkste Erlebnis des Weibes.« (Deutsch 1995)
    Doch auf der anderen Seite steht schon immer die Angst: Angst, kein Kind haben zu werden, und Angst, selbst bei der Entbindung zu sterben. Heute steht in der Angsthierarchie bei Frauen, die ihr erstes Kind erwarten, an erster Stelle die Furcht vor Fehlbildungen, gefolgt von der Furcht vor Komplikationen bei der Geburt, einer langen Geburtsdauer, dem Verlust der Selbstkontrolle und vor Schmerzen.
    Wenn es nun in den ersten Schwangerschaftswochen zur Fehlgeburt kommt, stürzt für die werdende Mutter plötzlich ein ganzes Gebäude aus Hoffnung, Zukunftsplänen und neuer Identität zusammen.
Können psychosoziale Faktoren eine Fehlgeburt bewirken?
    Es gibt derzeit keine gesicherten Belege dafür, dass psychische und psychosoziale Faktoren eine Fehlgeburt auslösen können. Das heißt, Angst, depressive Störungen, emotionale Belastungen, psychosomatische Erkrankungen, un­be­wusste innere Konflikte oder »Stress« führen nicht zwangsläufig zu einer Fehlgeburt.
    Das ist so wichtig, weil sich sonst jede Frau mit einer oder mehreren Fehlgeburten fragen müsste, ob ihre innere Einstellung oder ihre Psyche »schuld« an der Fehlgeburt sei. Diese Frage wird mir oft gestellt. Doch sie kann hier ganz klar und deutlich verneint werden. Man geht heute vielmehr davon aus, dass es sich um ein ganzes »Paket« anatomischer und erblicher Faktoren, psychischer und persönlicher Ursachen, sozialer Umstände und Veränderungen im Hormon- und Immunsystem der betroffenen Frauen handelt, das zu wiederholten Fehlgeburten führt (Bergner 2006).
    Bei wiederholten Fehlgeburten ist es naturgemäß nicht möglich zu unterscheiden, welche psychischen Faktoren die Ursache und welche die Folge einer Fehlgeburt sein könnten, denn es ist ja bereits eine Fehlgeburt vorausgegangen. Es gibt nur sehr wenige Studien über psychische Aus­wirkungen wiederholter Fehlgeburten. Den Folgen einer einzelnen Fehl­ge­burt

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