Schwarz
Ansicht nach sah ein Bierbauch beim Chef des SIS nicht gut aus, vor allem, wenn es sich dabei auch noch um eine Frau handelte. Dann machte sie sich daran, die Haarspangen herauszunehmen, um das Haar offen zu tragen, in ihren Augen ähnelte sie einer Tulpe, die aus der Schutzfolie befreit wurde.
Den ersten Anstoß für die Geheimdienstlaufbahn der nordirischen Frau hatte es 1967 am Rande der Stadt Newry gegeben. Als kleines Mädchen beobachtete sie damals aus dem Fenster im Obergeschoss, wie Soldaten britischer Spezialeinheiten auf eindrucksvolle Weise den Getreidespeicher des benachbarten Hofs stürmten und zwei Kämpfer der IRA fanden. Die Scheinwerfer des Hubschraubers, das Mündungsfeuer der Sturmgewehre und die punktgenaue Choreographie der Kommandoeinheit hatten Betha fasziniert. Sofort war ihr klar, dass sie dort arbeiten wollte, wo es um geheime Dinge ging. Zur Armee zog es sie nicht. Nun hatte sie bekommen,was sie wollte: eine Arbeit in einer virtuellen Welt voller Intrigen, Geheimnisse und Misstrauen. Überraschenderweise bereute sie ihre Wahl immer noch nicht, obwohl die Laufbahn inmitten von engstirnigen männlichen Kollegen, die den Zeiten einstiger britischer Größe nachtrauerten, ihre Spuren hinterlassen hatte. Um im SIS Erfolg zu haben, musste sich eine Frau wie ein Kerl benehmen, und zwar mehr als jeder Mann.
Betha kehrte in Gedanken wieder zu dem Raketenanschlag zurück. Leo Kara war nun wirklich der letzte Mensch, dem sie wünschte, dass er in die laufenden Ermittlungen hineingeriet. Der arme Junge war nicht gesund, vielmehr weit davon entfernt. Betha war als vierzigjährige Controllerin des SIS für Britannien zuständig gewesen, als sie die Ereignisse im Oktober 1989 untersuchen musste. Ein Jahr lang hatte sie versucht den Fall zu klären und auch Leo tagelang immer wieder befragt. Sie freundeten sich an, und als Leo ins Internat musste, wurden sie und Albert für den Jungen eine Art Familienersatz. Diese Rolle hatte sie gern übernommen, da sie kinderlos geblieben war.
Im Laufe der Jahre hatte sie sich mehr und mehr über Leos Jähzorn und seine Gewaltausbrüche gewundert, sein Verhalten schien ständig schlimmer zu werden. Nachdem Leo wegen seiner Aggressivität immer wieder Probleme mit den Behörden bekam, gelang es ihr schließlich 1992, den Jungen psychiatrisch untersuchen zu lassen. Der Arzt, der Leos Verwandte und Bekannte befragt hatte, fand schnell heraus, dass Leo vor der Tragödie seiner Familie ein selbstbewusster, extrovertierter, wohlerzogener und sozial begabter Junge war, der Widrigkeiten im Alltag gut meisterte.
Betha öffnete die Mappe mit den Unterlagen zu Leo und suchte den Bericht des Psychiaters heraus.
»Der Patient zieht sich zurück, weist die meisten Freundschaftsbekundungen und Annäherungsversuche ab und vermeidet es, sich an das andere Geschlecht zu binden, obwohl er sexuell aktiv ist. Seine gleichgültig wirkende Kälte und Reserviertheit ändert sich nur bei häufig wiederkehrenden Temperamentsausbrüchen, die wiederholt aggressive oder sogar gewalttätige Formen annehmen. Der Patient selbst kann sein Verhalten nicht erklären oder begründen.«
»Nach meiner Einschätzung ist der Patient nicht imstande, die Ereignisse
im Oktober 1989 zu verarbeiten, er will nicht über sie sprechen, sondern beruft sich auf eine teilweise Amnesie. Der Patient ist außerordentlich intelligent, es besteht somit die Möglichkeit, dass er die Auswirkungen des Gedächtnisverlustes übertreibt, um einem Gespräch über seine Erinnerungen auszuweichen. Der Patient versichert, dass er kaum noch an das Schicksal seiner Familie denkt, und behauptet, die Jahre im Internat als die negativste Erfahrung seines Lebens anzusehen.«
»Es scheint klar zu sein, dass die Frontallappenverletzung des Hirns, die der Patient bei den Ereignissen im Oktober 1989 erlitt, zum Frontalhirnsyndrom geführt hat, das heißt, zu einer Veränderung der Persönlichkeit, die Frontalpsyche genannt wird. Der Patient, der früher ruhig und gesellig war, verhält sich heute aggressiv und unberechenbar. Zum Krankheitsbild gehören auch bestimmte Gedächtnisstörungen, die aus Sicht des Patienten möglicherweise positiv sind, weil das Gedächtnis den Patienten schützen kann, indem es allzu schockierende Erlebnisse aus dem Bewusstsein ausblendet.«
»Wegen des teilweisen Gedächtnisverlustes, der fehlenden Kooperationsfähigkeit des Patienten und seiner Negierung der schockierenden Erlebnisse im Alter von vierzehn
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