Schwert und Laute
lang den Blick ab.
»Ich habe Euch gestern beobachtet, Euch und Liam«, hob er von neuem an. »Er ist wirklich nicht mehr derselbe Mann. Die Art, wie er Euch ansieht, spricht Bände. Ich hoffe für ihn, dass er Eure Seehundhaut gut versteckt hat.«
»Ihr glaubt doch nicht im Ernst an diese Legenden?«, gab ich belustigt zurück.
Er lächelte mir zu.
»Der Glaube an Geister und Legenden bringt Farbe in unser oft freudloses Leben. Nicht daran zu glauben wäre, als spaziere man durch einen Garten ohne Blumen oder betrachte einen Nachthimmel ohne Sterne.«
»Hmmm... Kennt Ihr Liam schon lange?«
Er schaute nachdenklich drein und zog die Augen zusammen.
»Acht Jahre, glaube ich. Damals war ich Ginny noch nicht begegnet. Er hat sie mir vorgestellt... Liam und ich waren bei Überfällen auf Argyle- und Breadalbane-Land dabei. Schon damals war er ein verflucht kräftiger Bursche und konnte das Claymore mit einer einzigen Hand führen. Niemand wagte, sich im Einzelkampf mit ihm zu messen. Vieh zu stehlen war für ihn ein Kinderspiel, aber mit neunzehn Jahren nimmt man das Leben halt nicht ernst, nicht wahr?«
»Das kommt darauf an«, meinte ich.
Adam beäugte mich von der Seite und schien zu dem Schluss zu kommen, dass ich ungefähr so alt sein musste wie der jugendliche Wildfang, den er mir zu beschreiben versuchte. Er räusperte sich.
»Schon möglich«, meinte er zögernd, bevor er seine Erzählung wieder aufnahm. »Liam war soeben vom King’s College in Aberdeen zurückgekehrt, wo er recht erfolgreich gewesen war; aber sein Platz war in den Bergen und auf den Ebenen, auf der Heide,
wo die einzigen Grenzen eines Menschen jene sind, die sein Körper ihm setzt.«
Er schob eine tropfnasse braune Haarsträhne weg, die ihm quer über der Wange hing, und warf einen Blick zu Liam, der jetzt weiter hinten ritt.
»Und dann haben Anna und er eines Tages geheiratet.«
Er verstummte, und dabei war ich jetzt erst richtig neugierig geworden.
»Und dann?«, fragte ich mit erzwungener Ruhe.
»Ich hatte immer geglaubt, Liam sei nicht für die Ehe geschaffen. Seine Lust am Abenteuer und an der Freiheit waren mit der Verantwortung, die eine Ehe mit sich bringt, nicht zu vereinbaren. Doch er hatte sich in Anna verliebt... Ich frage mich, ob er nicht vielleicht zwei Persönlichkeiten in sich trägt.«
Er warf mir einen peinlich berührten Blick zu.
»Es tut mir leid, ich wollte nicht...«
»Schon gut, Mr. Cameron, ich kann ja nicht so tun, als hätte Liam vor mir kein Leben gehabt.«
»Allerdings nicht. Aber nennt mich doch bitte Adam. Schließlich sind wir verwandt.«
»Einverstanden... Adam.«
Mit seiner Größe und seinen fein geschnittenen Händen erinnerte Adam mich ein wenig an meinen Bruder Patrick. Allerdings waren seine Züge ausgeprägter und gröber, ohne deswegen aber unansehnlich zu sein. Er konnte nicht älter als fünfunddreißig sein.
»Und Ihr wollt bis zum Schluss mit uns reiten?«
»Ja.«
Er sah mich prüfend an und zuckte dann die Achseln.
»Nun ja, Liam wird schon wissen, was er tut.«
»Ich warte nicht darauf, dass Liam mir seine Erlaubnis erteilt, Adam«, erwiderte ich gereizt. »Ich habe ihm keine andere Wahl gelassen.«
»Oh! Ihr besitzt Mut und Charakter, Caitlin«, meinte er amüsiert. »Mit Euch langweilt sich Liam bestimmt nicht.«
Er warf einen Blick auf das Messer, das aus meinem feuchten Plaid ragte.
»Könnt Ihr Euch verteidigen?«
Ich schenkte ihm ein ironisches Lächeln.
»Ich glaube schon.«
»Liam sagt, Ihr wäret erst vor zwei Jahren aus Irland hergekommen, mit Eurem Vater und Euren zwei Brüdern.«
»Ja ... Was hat er Euch sonst noch erzählt?«, erkundigte ich mich ein wenig verunsichert.
»Nichts. Was Euch angeht, ist er nicht besonders gesprächig, und ich respektiere sein Schweigen.«
Von neuem hielt er mir die Whiskyflasche hin, und dieses Mal nahm ich einen Schluck.
»Auf jeden Fall geht es mich nichts an«, setzte er in einem Tonfall hinzu, der desinteressiert klingen sollte.
»Und Ihr, Adam«, fragte ich, um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, »was ist Eure Aufgabe im Cameron-Clan?«
»Ich bin der Fear Sporain, der Schatzmeister. John Cameron und ich sind zusammen aufgewachsen und stehen uns so nahe wie Brüder. Er vertraut mir blind, ein Vertrauen im Übrigen, das ich niemals enttäuschen würde, und wenn es mich das Leben kosten sollte. Da ich die Fähigkeit habe, mit Zahlen zu jonglieren, hat John mir beim Tod des alten Douglas MacVail vor einem
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