Selbst ist der Mensch
Wenn ich das Bewusstsein verliere, weil ich mit dem Kopf gegen einen harten Gegenstand geschlagen bin, erlebe ich ebenfalls einen segensreich kurzen, aber messbaren Zeitraum, bis ich wieder »zu mir komme«. Nebenbei bemerkt, ist »zu sich kommen« nur eine verkürzte Form von »zu Bewusstsein kommen«, also zu einem Selbst-orientierten Geist zurückzukehren; es klingt zwar wie eine schlichte Redensart, trifft den Kern der Sache aber recht gut. In der Neurologie spricht man von einer Erholungszeit, bis man nach einer Verletzung ohne offene Kopfwunde das Bewusstsein wiedererlangt; in dieser Zeit ist die betroffene Person räumlich und zeitlich nicht vollständig orientiert, und erst recht nicht im Hinblick auf Personen.
Solche Beispiele zeigen, dass komplexe geistige Funktionen keine Monolithen sind, sondern dass man sie buchstäblich sezieren kann. Ja, das Licht ist eingeschaltet, und wir sind wach (ein Punkt für das Bewusstsein). Ja, der Geist ist eingeschaltet, und von allem, was sich vor uns befindet, werden Bilder gebildet; Bilder aus der Vergangenheit werden aber nur in geringer Zahl und in großen Abständen abgerufen (ein halber Punkt für das Bewusstsein). Aber nein, bisher weist kaum etwas darauf hin, wem dieser schwankende Geist gehört – es gibt kein Selbst, das ihn für sich beanspruchen könnte (kein Punkt für das Bewusstsein). Insgesamt hat das Bewusstsein die Prüfung nicht bestanden. Die Moral der Geschichte: Damit das Bewusstsein die notwendige Punktzahl erreicht, muss es erstens wach sein, zweitens einen funktionsfähigen Geist besitzen und drittens in diesem Geist ein automatisches, keines Auslösers bedürfendes, nicht abgeleitetes Selbst-Gefühl haben, das den Protagonisten der Erfahrung darstellt, ganz gleich, wie subtil dieses Selbst-Gefühl vielleicht ist. Wachzustand und Geist vorausgesetzt, die wir beide brauchen, um bewusst zu sein, könnte man sagen: Das entscheidende Merkmal unseres Bewusstseins besteht, poetisch ausgedrückt, gerade in dem Gedanken an uns selbst. Aber damit die Poesie stimmt, müsste man sagen: in dem gefühlten Gedanken an uns selbst.
Dass Wachsein und Bewusstsein nicht ein und dasselbe sind, zeigt sich sehr deutlich, wenn wir die neurologische Störung betrachten, die »vegetativer Zustand« genannt wird. Bei einem Patienten im vegetativen Zustand deutet kein äußerliches Zeichen auf Bewusstsein hin. Wie Patienten in dem ähnlichen, aber schlimmeren Zustand des Komas, reagieren vegetative Patienten auf keinerlei Signale der untersuchenden Person, und sie geben in keiner Weise zu erkennen, dass sie sich ihrer selbst oder der Umgebung bewusst wären. Dennoch zeigt ihr Elektroenzephalogramm oder EEG (die Aufzeichnung der elektrischen Wellenmuster, die von einem lebenden Gehirn ständig produziert werden) abwechselnd Muster, wie sie für Schlaf oder Wachzustand charakteristisch sind. Neben dem EEG, das auf den Wachzustand hindeutet, haben die Patienten oftmals auch die Augen geöffnet, sie starren aber leer in den Raum und richten den Blick nicht auf ein bestimmtes Objekt. Bei Patienten im Koma findet man kein solches Wellenmuster; hier fehlen offenbar alle Phänomene, die mit dem Bewusstsein (Wachzustand, Geist und Selbst) einhergehen. 2
Der beunruhigende vegetative Zustand liefert auch wertvolle Informationen über einen anderen Aspekt der Unterscheidungen, die ich hier skizziere. In einer Studie, die zu Recht große Aufmerksamkeit erregte, konnte Adrian Owen mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie nachweisen, dass das Gehirn einer Frau im vegetativen Zustand Aktivitätsmuster zeigte, die mit an sie gerichteten Fragen und Aufforderungen des Untersuchers zusammenpassten. Dass man bei ihr eine Bewusstlosigkeit diagnostiziert hatte, braucht nicht besonders erwähnt zu werden. Sie reagierte äußerlich nicht auf Fragen oder Aufforderungen, und spontan deutete nichts auf einen aktiven Geist hin. Dennoch zeigte sich in der fMRT-Untersuchung, dass die Hörfelder ihrer Großhirnrinde aktiv wurden, wenn man ihr Fragen stellte. Das Aktivierungsmuster ähnelte dem, das man auch bei einer normalen, bei Bewusstsein befindlichen Versuchsperson beobachtet, wenn man eine vergleichbare Frage stellt. Noch eindrucksvoller war die Reaktion der Patientin, wenn sie gebeten wurde, sich einen Rundgang durch ihr eigenes Haus auszumalen: Dann wurde in der Großhirnrinde ebenfalls ein Aktivitätsmuster erkennbar, wie man es bei gesunden Versuchspersonen während einer
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