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September. Fata Morgana

Titel: September. Fata Morgana Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Thomas Lehr
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kommt und was es bedeuten mag ob es ernsthaft und »wissenschaftlich« ist man könnte glauben er fürchte ich würde in Udai Saddam Husseins Zeitschrift Babel verschwinden wollen zwischen Sportnachrichten Bilderrätseln blonden Mannequins dem Leitartikel über US-Imperialismus von Al-Dulaimy (wiederum Udai) den ganzen hochglänzenden Uhren- und Schmuck- und Luxusauto-Reklamen als lebten wir alle als Millionäre in Dubai oder Mailand oder in einem Palast wie Udai eben als
    Mörder Folterer und Vergewaltiger
    im weißen Anzug er ist meines Erachtens der wahre Babylonier ichmeine in biblischer Sichtweise sagt Tarik wo kommen die überall vor bei Daniel und Johannes dem Zecher?
    Huda wird ein Referat halten mit dem Titel Wie verfälschten die Zionisten die historische babylonische Wirklichkeit? sie sucht wieder eine Gelegenheit ihre Mutter zu ärgern aber ich möchte nur über die Stadtanlage sprechen über die Architektur über die bislang erfolgten Rekonstruktionen über die Ausgrabungen und das was noch zu entdecken ist
    morgen fahren wir nach Babylon
    sagte meine Mutter vor sechs Wochen plötzlich
    wir reisten zu dritt (ohne Sami) wie schon seit Jahren nicht mehr Farida hatte zugestimmt an den drei Tagen die Tarik sich frei nahm nicht auch noch Kerbela und Nadschaf zu besuchen es sollte ein
    rein heidnischer Urlaub
    werden meinte er es war nicht herauszufinden ob er nur pflichtschuldig einem Versprechen nachkam das er mir vor über einem Jahr schon gegeben hatte oder sich wenigstens ein bisschen auf die Fahrt freute Babel ist nicht heidnisch sagte ich Bab-ili ist das Tor Gottes es sind 3000 Jahre Tempel und Zikkurat und die Spitze des Turms soll an den Gipfel des Berges erinnern auf dem die Arche nach der Sintflut abgesetzt wurde
    der gute alte Utnapischtim er hätte gar nicht schwimmen müssen wäre er mit diesem Geschoss der Flut davongeeilt erklärte Tarik im verbeulten roten Opel seines Bruders ich saß auf der Rückbank träumte las reichte Wasser oder Früchte und Fladenbrot aus dem von Farida randvoll gepackten Picknickkorb nach vorn sie trug ein weinrotes langärmeliges Kleid und beim Aussteigen wie ich selbst ein weißes Kopftuch (gegen den Staub und die Ureinwohner wie Tarik bemerkte) ich wollte auch einmal Ktesiphon sehen ohne in eine Schulklasse eingepfercht zu sein und von genervten Lehrern gehetzt zu werden und sie hatten nichts dagegen
    Tarik und Farida auf den Vordersitzen immer redseliger
    immer fröhlicher und immer jünger wirkend es war als könnten sie sich nicht gegen die gute Laune wehren als entstünde sie ganz mechanisch durch das Fahren in dem klapprigen Auto das natürlich keine Klimaanlage hatte so dass wir uns vom Wind kühlen ließen eigentlich hätten wir gar nicht so rasch anhalten müssen die Ölfelder und die Anlagen der Dora-Raffinerie glitten vorbei wir sprachen gar nicht davon dass Jasmin hier irgendwo arbeitete erinnerst du dich fragte Tarik beiunserem ersten Halt an den kleinen roten Elefanten in Amman ein dicker alter Bursche mit Segelohren auf einem Podest er stand vor dem römischen Theater und du warst schon zu alt für so ein Schaukeltier aber du liebtest ihn und ich musste ihn fünf Mal fotografieren hier mit diesem historischen sowjetischen Apparat (er überreichte mir seinen Fotoapparat aus der ehemaligen DDR)
    natürlich erinnerte ich mich an den Elefanten ich hatte ihn ja Hannibal getauft und mit ihm die Steinreihen des Amphitheaters emporgaloppieren wollen wie die hochgetürmten Wellen eines Ozeans aus Marmorklippen dieser seltsame Zusammenhang: altes zerbeultes rotes Metall (Reitelefant oder alter Opel) und die Ruinen oder Relikte einer grandiosen Architektur es ergibt ein Gefühl von Freiheit von Sich-Bewegen-Können
    im Raum in der Zeit
    nicht auf irgendetwas achten zu müssen das Metall ist schon verbeult die Paläste sind schon geschleift die Tempel haben längst keine Götter mehr
    in Ktesiphon unter dem großen Steinbogen des Khosrau stehen meine Eltern ein hagerer mittfünfzigjähriger Mann mit hoher Stirn schwarz-grauem Schnurrbart glühenden dunklen Augen lebhaften Gesten seine etwas kleinere etwas rundliche Frau dagegen hat eine stille und vornehme Art so als trete sie immer gerade aus einem ruhigen Zimmer nach draußen und würde von der Sonne geblendet
    sie drehten sich langsam um die eigene Achse und schauten nach oben sie waren
    entlassen
    das hatte ich geschafft ich hatte sie herausgeholt aus den Schraubzwingen ihres Bagdader Alltags Faridas ewiger

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