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Shardik

Titel: Shardik Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Richard Adams
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Kopf zum Schutz gegen die fliegenden Steine, legte den Arm um die Schultern der Tuginda und zog sie halb, halb trug er sie zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren.
    Er half ihr zu einer grasbewachsenen Stelle und setzte sich neben sie. Sie zitterte, ihr Atem ging stoßweise, aber nach einer Weile schlug sie die Augen auf, erhob sich halb und blickte über die Straße zurück.
    »Diese verdammten Dreckschweine!« flüsterte die Tuginda. Dann sah sie, wie er sie anstarrte, und lachte. »Wußtest du nicht, Kelderek, daß jeder manchmal flucht? Und ich hatte einst Brüder, vor langer Zeit.« Sie legte einen Augenblick die Hand über ihre Augen und schwankte ein wenig. »Aber das Scheusal hatte recht – ich fühle mich nicht wohl.«
    »Du hast den ganzen Tag nichts gegessen, Saiyett – «
    »Macht nichts. Wenn wir uns irgendwo hinlegen und schlafen können, kommen wir morgen bis Zeray. Und dort, glaube ich, werden wir vielleicht Hilfe finden.«
    Er wanderte in der Umgebung umher und fand einen Haufen Torfballen, aus denen er eine Art Unterstand baute, in den sie sich nebeneinanderlegten, um sich zu erwärmen. Die Tuginda war unruhig und fieberte, sie redete im Schlaf von Rantzay und Sheldra und von Herbstblättern, die man von den Terrassen fegen müsse. Kelderek lag wach, gequält von Hunger und von Schmerzen in seiner Ferse. Nun würde die Verwandlung bald vollendet sein, dachte er, und als Tier würde er weniger leiden. Die Sterne wanderten weiter, und schließlich schlief auch er, während er sie betrachtete, ein.
    Aus Furcht vor den Dorfbewohnern weckte er die Tuginda bald nach Tagesanbruch und führte sie durch einen Bodennebel fort, so weiß und kalt wie der, bei dem Elleroth zur Hinrichtung gebracht worden war. Es brach ihm das Herz zu sehen, wie schwach sie war, wie sie nach Atem rang, wenn sie sich an ihn lehnte, und sich nach jeder kurzen Strecke, die sie im Tempo eines blinden Bettlers zurückgelegt hatte, ausruhen mußte, dabei wurde ihm aber auch bange – wie einem, der ein Zeichen am Himmel beobachtet und dessen Vorbedeutung fürchtet. Die Tuginda war, wie jede andere Frau aus Fleisch und Blut, den Härten und Gefahren dieses Landes nicht gewachsen, sie konnte wie jede andere Frau erkranken und vielleicht sterben. Bei dieser Überlegung wurde ihm klar, daß er immer, sogar in Bekla, gespürt hatte, daß sie, mitfühlend und undurchdringlich, zwischen ihm und Gottes verzehrender Wahrheit gestanden hatte. Er, der Betrüger, hatte ihr alles von Shardik gestohlen – seine körperliche Anwesenheit, sein Zeremoniell, die Macht und die Anbetung –, alles, was den Menschen gehörte: alles außer der unsichtbaren, von Shardiks rechtmäßigem Mittler getragenen Bürde der Verantwortung, der inneren Erkenntnis, daß es, wenn sie versagte, niemand anders gab. Sie war es, und nicht er, die fünf Jahre lang eine geistige Last getragen hatte, doppelt schwer durch den Mißbrauch, den er mit Shardik getrieben hatte. Sollte sie nun sterben, so daß niemand zwischen ihm und Gottes Wahrheit blieb, dann würde er, dem die erforderliche Weisheit und Demut fehlte, nicht geeignet sein, an ihren Platz zu treten. Er würde in seiner Anmaßung bloßgestellt, und die letzte Handlung des betrügerischen Priesterkönigs sollte nicht darin bestehen, den Tod durch Shardik, dessen er unwürdig war, zu suchen, nein, er sollte, wie ein Kakerlak vor dem Licht, in eine Spalte dieses Landes der Verderbnis kriechen und dort auf den Tod warten, den er durch Krankheit oder Gewalt erleiden mochte. Inzwischen würde Shardiks Schicksal unbekannt bleiben; er würde unbewacht und unversorgt verschwinden wie ein großer, von einer Bergwand stürzender Felsen, der bergab donnert und schließlich weit unten in weglosen Wäldern zur Ruhe kommt.
    Später entsann er sich, auf die Ereignisse jenes Tages zurückblickend, nur an einen Vorfall. Wenige Kilometer hinter dem Dorf trafen sie auf eine Gruppe von Männern und Frauen, die auf einem Feld arbeiteten. Unweit von ihnen saßen zwei junge Frauen. Die eine hatte ein Baby an der Brust, und während sie lachten und plauderten, aßen beide aus einem Weidenkorb. Einige hundert Meter weiter überredete er die Tuginda, sich hinzulegen und auszuruhen, sagte ihr, er werde bald wieder bei ihr sein, und eilte zurück zu dem Feld. Er näherte sich unbemerkt den Frauen, schlich heran, sprang plötzlich auf sie los, ergriff hastig den Korb und rannte fort. Sie schrien, aber ihre Freunde kamen, womit er

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