Shardik
Plötzlich warf sie sich leidenschaftlich weinend zu Boden, faßte die Knöchel der Tuginda und küßte ihr die Füße.
»Saiyett«, rief sie unter Tränen, »oh, verzeih mir! Verzeih mir nur, Saiyett, und ich werde in Frieden sterben!«
Sie hob den Kopf und blickte die beiden an; ihr Gesicht war gequält und im Weinen verzerrt. Doch nun erkannte Kelderek sie, und er wußte auch, wo er früher schon diesen gleichen ängstlichen Blick gesehen hatte. Denn es war Melathys, die vor ihnen auf dem Boden lag und die Füße der Tuginda umklammert hielt.
Ein kurzer Windstoß fegte vom Fluß her durch die Bäume und war fort, nachdem er den Wimpel hochgeblasen und entfaltet hatte wie ein müßig Vorbeigehender, um ihn dann wieder fallen zu lassen. Einen Augenblick war das Emblem, eine goldene Schlange, die sich wand wie ein lebendes Geschöpf, deutlich zu sehen, dann erschlaffte sie und verschwand wieder in den Falten des dunklen, hängenden Stoffes.
43. Die Erzählung der Priesterin
»Als er kam«, sagte Melathys, »als er kam und Ankray mit ihm, war ich schon lange genug hier, um zu glauben, daß es nur eine Frage der Zeit sein könnte, bis ich durch den einen oder anderen Zufall sterben müßte. Auf der Reise stromabwärts, bevor ich nach Zeray kam, hatte ich bereits erfahren, was ich von den Männern zu erwarten hatte, wenn ich um Nahrung oder Unterkunft bat. Aber die Reise – sie war erst ein leichter Anfang, wenn ich das auch noch nicht wußte. Ich war noch auf dem Posten und selbstsicher. Ich hatte ein Messer und wußte mich dessen zu bedienen, und da war auch noch immer der Ruß, der mich weiter stromabwärts bringen konnte.« Sie brach ab und warf einen schnellen Blick auf Kelderek, der zum erstenmal, seit er Kabin verlassen hatte, satt beim Feuer saß und seine müden Füße in einer Schüssel mit warmem Wasser und Kräutern badete. »Hat sie gerufen?«
»Nein, Saiyett«, sagte Ankray, dessen mächtige Gestalt im Lampenlicht erschien. Er war eingetreten, während sie erzählte. »Die Tuginda schläft jetzt. Ich werde eine Weile bei ihr wachen, wenn du nichts mehr brauchst.«
»Ja, bleibe eine Stunde bei ihr. Dann werde ich selbst in ihrem Zimmer schlafen. Des Herrn Keldereks Bedürfnisse überlasse ich dir. Und denk daran, Ankray, was immer dem Großbaron in Ortelga zustieß – Kelderek, der Herr, ist nach Zeray gekommen. Diese Reise gleicht alles aus.«
»Du weißt, Saiyett, was man sagt. In Zeray hat die Erinnerung einen scharfen Stachel, und die Klugen gehen ihr aus dem Weg.«
»Davon habe ich auch gehört. Dann geh jetzt!«
Der Mann bückte sich im Türrahmen und ging hinaus, und Melathys setzte ihre Erzählung fort, nachdem sie ein wenig herben Wein in Keldereks Holzbecher gegossen hatte.
»Aber von Zeray geht es nicht weiter; alle Reisen sind hier zu Ende. Viele Leute glauben, wenn sie ankommen, daß sie den Telthearna überqueren werden, aber soviel ich weiß, hat es noch keiner geschafft. Die Strömung ist in der Flußmitte unheimlich stark, und anderthalb Kilometer flußabwärts liegt die Bereeler Klamm, wo kein Schiff zwischen den Stromschnellen und Felsblöcken flottzubleiben vermag.«
»Hat noch niemand den Landweg versucht?«
»Wenn jemand, von dem man weiß, daß er den Vrako vom Osten her überquert hat, in der Provinz Kabin angetroffen wird, wird er getötet oder zur Rückkehr gezwungen.«
»Das kann ich wohl glauben.«
»Nördlich von hier, fünfzig oder sechzig Kilometer stromaufwärts, treten die Berge fast bis zum Ufer an den Fluß heran. Dort gibt es einen Durchlaß, der keinen Kilometer breit ist – er heißt Linsho. Alle Reisenden müssen dort den Einheimischen einen Zoll bezahlen, um durchgelassen zu werden. Viele haben schon alles bezahlt, was sie besaßen, um nach Süden zu gelangen; aber wer kann bezahlen, um nach Norden zu kommen?«
»Könnte das keiner?«
»Ich sehe, Kelderek, daß du von Zeray nichts weißt. Zeray ist ein Felsen, an den sich Menschen für kurze Zeit anklammern, bis der Tod sie fortschwemmt. Sie haben kein Heim, keine Vergangenheit, keine Zukunft, keine Hoffnung, keine Ehre und kein Geld. Wir sind reich an Schande und an sonst nichts. Einmal verkaufte ich meinen Körper für drei Eier und ein Glas Wein. Es hätten nur zwei Eier sein sollen, aber ich feilschte unnachgiebig. Ich kannte einmal einen Mann, der wegen eines Silberstücks ermordet wurde, das sich als wertlos erwies, weil der Mörder es nicht essen, tragen oder als Waffe verwenden
Weitere Kostenlose Bücher