Shogun
möchte ich nicht mehr gestört werden bis morgen früh, es sei denn …«
Voller Beklemmung wartete Naga, sah, wie sein Vater blicklos ins Leere hinausstarrte, und machte sich wegen seines merkwürdigen Verhaltens ernste Sorgen. »Fehlt Euch etwas, Vater?«
»Was? Ach so, nein, nein, mir fehlt nichts. Warum?«
»Nichts – verzeiht bitte. Wollt Ihr immer noch bei Morgengrauen auf die Jagd gehen?«
»Auf die Jagd? O ja, das ist ein guter Gedanke. Danke, daß Ihr mich daran erinnert, ja, das wäre schön. Veranlaßt alles Nötige. Also, gute Nacht … Ach, noch etwas: Der Tsukku-san hat meine Erlaubnis, morgen in kleinem Kreis einen Gottesdienst abzuhalten. Alle Christen können hingehen. Ihr geht auch hin. Am ersten Tag des neuen Jahres werdet Ihr Christ.«
»Ich?«
»Jawohl. Und zwar aus freien Stücken. Gebt es dem Tsukku-san unter vier Augen zu verstehen.«
»Euer Gnaden?«
Wie der Blitz fuhr Toranaga zu ihm herum. »Seid Ihr taub? Versteht Ihr die einfachsten Dinge nicht mehr?«
»Bitte, verzeiht, Vater. Ich verstehe.«
»Na also.« Toranaga verfiel wieder in seine wie abwesende Haltung und machte sich dann, seine Leibwache im Schlepptau, auf den Weg. Alle Samurai verneigten sich steif, doch er schien es nicht einmal zu bemerken.
Ein Offizier trat zu Naga heran. »Was hat unser Gebieter denn nur?«
»Ich weiß es nicht, Yoshinaka-san.« Naga warf einen Blick zurück auf den freien Platz. Alvito ritt davon und auf die Brücke zu; nur ein einziger Samurai begleitete ihn. »Es muß irgendwie mit ihm zu tun haben.«
»Ich habe Herrn Toranaga noch nie so niedergedrückt gesehen. Noch nie. Vielleicht sollten wir Buntaro-san erzählen, daß mit Toranaga-sama etwas nicht stimmt? Er ist der ranghöchste Offizier hier?«
»Einverstanden – aber erst später. Mein Vater hat unmißverständlich gesagt, ich sollte die Cha-no-yu auf gar keinen Fall stören.«
In der friedlichen Stille des kleinen Teehauses öffnete Buntaro mit großer Behutsamkeit die kleine irdene Teedose aus der T'ang-Dynastie, nahm vorsichtig den Bambuslöffel zur Hand und eröffnete damit die letzte Phase der Cha-no-yu, der Teezeremonie. Gewandt häufte er genau die richtige Menge des grünen Pulvers auf den Löffel und schüttete sie in die henkellose Porzellanschale. Ein uralter gußeiserner Kessel summte über der Holzkohlenglut. Mit gelassener Anmut überbrühte er das Pulver mit kochendem Wasser, setzte den Kessel dann wieder auf den Dreifuß und verquirlte Pulver und Wasser mit einem kleinen Schneebesen aus Bambus.
Er fügte einen Löffel kalten Wassers hinzu, verneigte sich vor Mariko, die ihm gegenüber kniete, und reichte ihr die Schale. Sie verneigte sich ihrerseits und nahm sie in Empfang, bestaunte die grüne Flüssigkeit, nippte dreimal daran, hielt inne, nippte nochmals und trank sie aus. Dann reichte sie Buntaro die Schale zurück. Er wiederholte die einzelnen Stadien des feierlichen Tee-Überbrühens und bot ihr die Schale abermals an. Sie ersuchte ihn, den Cha selbst zu kosten, wie die Regel es erheischte. Er nippte einmal, dann noch einmal – und trank sie aus. Dann bereitete er eine dritte und auch noch eine vierte Schale. Vorsichtig spülte er die Schale, wie das Ritual es verlangte, und trocknete sie ab, wozu er ein ganz besonders feines Baumwolltuch benutzte, um dann beides an seinen Platz zu legen. Dann verneigte er sich vor seiner Frau, und sie verneigte sich vor ihm. Die Cha-no-yu war beendet.
Buntaro empfand Genugtuung, daß er sein Bestes getan hatte und daß jedenfalls jetzt für den Augenblick Frieden zwischen ihnen herrschte. Heute nachmittag war das keineswegs so gewesen.
Er hatte sie an ihrer Sänfte begrüßt. Wie immer war er sich angesichts ihrer zierlichen Gestalt grob und ungeschlacht vorgekommen. Alle wohlüberlegten Worte, die er hatte sagen wollen, waren wie weggewischt. Unbeholfen hatte er sie zu einer Cha-no-yu eingeladen, um dann hinzuzufügen: »Es ist viele Jahre her, daß wir … Ich habe Euch nie eine bereitet, aber heute abend ist der richtige Zeitpunkt.« Und dann war es aus ihm herausgeplatzt, was er nie hatte sagen wollen, wohl wissend, daß es töricht, unelegant und ein großer Fehler war, das zu tun: »Herr Toranaga meint, es sei Zeit, daß wir uns aussprechen.«
»Ihr jedoch seid nicht dieser Ansicht, Euer Gnaden?«
Er wurde rot im Gesicht, und seine Stimme bekam etwas Krächzendes, als er sagte: »Ich möchte, daß Harmonie zwischen uns herrscht, und mehr. Ich habe mich nie
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