Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Shogun

Shogun

Titel: Shogun Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: James Clavell
Vom Netzwerk:
wilden weißen Rose gewählt, einen einzelnen Wassertropfen auf das tiefgrüne Blatt tropfen lassen und den Stengel in einem Grund von roten Kieseln verankert. Herbst naht, wollte er damit andeuten; weine nicht über das Vergängliche, über die Zeit des Sterbens, da die Erde entschläft; genieße die Zeit des Neubeginns, und erlebe die herrliche Kühle der Herbstluft an einem Sommerabend … Bald wird die Träne verschwinden, auch die Rose, nur die Steine werden zurückbleiben …
    Losgelöst von sich selbst, beobachtete er sie; er war jenem Grad der Entrücktheit nahe, den ein Cha -Meister bisweilen erlebte, und befand sich vollkommen im Einklang mit seiner Umgebung. Um ihm zu huldigen, verneigte sie sich vor der Blume und kniete ihm gegenüber nieder. Sie trug einen dunkelbraunen Kimono; ein feuervergoldeter Faden an den Nähten brachte die weiße Säule ihres Halses und ihr Gesicht vorteilhaft zur Geltung; der Obi, den sie trug, war von ganz besonders dunkelgrüner Farbe und paßte zu ihrem Unterkimono; das Haar trug sie schmucklos einfach hinten hochgesteckt.
    »Willkommen«, sagte er, verneigte sich und eröffnete damit die Zeremonie.
    »Es ist mir eine Ehre«, erwiderte sie, wie ihre Rolle es von ihr verlangte.
    Er reichte den winzigen Imbiß auf einem makellos lackierten Tablett, auf dem scheinbar achtlos die Eßstäbchen hingelegt worden waren; die Fischscheiben auf Reis, die er vorbereitet, bildeten ein bezauberndes Muster, und um die Wirkung des Zufälligen noch zu erhöhen, hatte er ein paar wilde Blumen, die er am Flußufer gepflückt, wie unabsichtlich auf dem Tablett verteilt. Nachdem sie mit dem Essen fertig war und auch er etwas zu sich genommen hatte, nahm er mit streng vorgeschriebenen Bewegungen das Teebrett und trug es hinaus in die Küche. Als sie allein war und eine große Ruhe über sie kam, wandte Mariko ihre Aufmerksamkeit dem Feuer zu: Die Holzkohle bildete unter dem Dreifuß auf einem sorgsam geharkten Meer schneeweißen Sandes einen glühenden Berg; sie lauschte dem leisen Knistern der Glut, das mit dem Seufzen des gerade eben siedenden Kessels eine harmonische Einheit bildete. Nachdem sie alles in sich aufgenommen und ihre Seele daran gemessen hatte, trat sie wieder in den Garten hinaus, an das flache Becken, das seit unvordenklichen Zeiten die Natur in den Felsen gegraben. Abermals reinigte sie Hände und Mund mit dem kühlen frischen Wasser und trocknete beides mit einem neuen Handtuch.
    Als sie sich im Inneren des Teehauses wieder hinkniete, sagte er: »Vielleicht möchtet Ihr jetzt Euren Cha nehmen?«
    »Es wäre mir eine Ehre, aber bitte, macht meinetwegen nicht zu viele Umstände.«
    »Es ist mir eine Ehre. Ihr seid mein Gast.«
    So hatte er sie bedient. Und jetzt war er zum Ende gekommen.
    Es herrschte Schweigen, und eine Weile blieb Mariko regungslos sitzen; große Ruhe erfüllte sie; sie wollte durch nichts zu erkennen geben, daß die Zeremonie zu Ende war, und auf gar keinen Fall den Frieden stören, der sie umgab. Freilich spürte sie zunehmend die Kraft seines Blicks. Die Cha-no-yu war zu Ende. Das Leben mußte weitergehen.
    »Wie Ihr sie zelebriert habt – das war unübertrefflich«, flüsterte sie, und Wehmut überwältigte sie. Eine Träne rann ihr aus den Augen, und als sie herunterrollte, wollte ihr schier das Herz zerspringen.
    »Nein … nein … Ihr seid es, die unübertrefflich war«, sagte er.
    »Es war die schönste, die ich jemals erlebt habe«, sagte sie. »Alles war vollendet! Wie schade, daß andere, würdiger als ich, das zu beurteilen, sie nicht haben miterleben können!« Ihre Augen schimmerten im flackernden Licht.
    »Ihr habt sie erlebt. Mehr bedurfte es nicht. Ich habe sie nur für Euch zelebriert. Andere hätten sie überhaupt nicht verstanden.«
    Sie spürte jetzt, wie heiße Tränen ihr über die Wangen liefen. Für gewöhnlich hätte sie sich ihrer geschämt, doch jetzt bekümmerten sie sie nicht. »Danke! Wie kann ich Euch nur danken?«
    Er nahm eine Ranke wilden Thymians zwischen zwei zitternde Finger, lehnte sich vor und fing sanft eine Träne damit auf. Schweigend betrachtete er diese Träne; die Ranke wirkte winzig in seiner gewaltigen Faust. »Mein Werk … jedes Menschenwerk … ist nichts, verglichen mit dieser Schönheit. Ich danke Euch.«
    Beide gaben sich einer süßen Schwermut hin, welcher sich die Schlichtheit einer einzelnen Träne beigesellte; sie genossen es, gemeinsam still dazusitzen und sich in Demut verbunden zu wissen,

Weitere Kostenlose Bücher