Silber
Straße. Der Bratwurst-Mann machte keinerlei Anstalten, ihm zu folgen, aber das war nicht überraschend. Es machte keinen Sinn, ausgerechnet die Person auf ihn anzusetzen, die er schon kannte, wenn sie noch jemand anderen auf der Straße hatten.
Der Wagen fuhr langsam die Schloßstraße entlang und blinkte dann rechts. Konstantin sah ihn um die Ecke biegen und davonfahren. Es gab zwei Möglichkeit, wie sie weiter vorgehen konnten: Entweder stieg ein neuer Beobachter aus, sobald der Wagen um die Kurve war, oder sie vertrauten darauf, ihn später wiederzufinden, in der Hoffnung, dass eine weitere dunkle Limousine unter den vielen BMWs, Merceden, Volvos und Saabs in der Stadt nicht auffiel.
Es barg ein gewisses Risiko, wenn sie seine Spur jetzt aufgaben, und Konstantin selbst wäre dieses Wagnis nicht eingegangen, wenn er für diese Operation verantwortlich gewesen wäre. Also musste er davon ausgehen, dass seine Gegenspieler ebenso methodisch vorgingen wie er selbst. Das hieß, dass sie noch mindestens einen Mann auf der Straße hatten, den er noch nicht bemerkt hatte.
Konstantin ließ sich Zeit. Ein grün gefliestes öffentliches Pissoir befand sich zwanzig Meter weiter die Straße hinunter. Das reich verzierte Stadtwappen von Berlin prangte auf der Schwingtür aus Messing. Er ging darauf zu und zählte seine Schritte auf dem Kopfsteinpflaster. Jeder seiner Schritte hallte klar durch die kalte Luft. Nach zehn Metern nahm er den Geruch von Urin wahr, als der Wind auffrischte. Das war einer der tausend unangenehmen Gerüche in der Stadt. Manche Städte hatten tausend Geschichten, dachte er, doch Berlin hatte tausend schlimme Gerüche. Konstantin grunzte. Er beschloss, sich zu erleichtern.
Das Pissoir war so gebaut, dass er über die Wand auf die Straße blicken konnte, während er urinierte. Das war ein merkwürdiges Konzept, und sehr deutsch. Andererseits verschaffte es ihm eine ganze Minute, in der er die Leute beobachten konnte; er sah, wer sich bewegte, wer langsamer wurde, und wen der Bratwurst-Mann beobachtete – denn der achtete nicht auf ihn. Konstantin versuchte dem Blick des Mannes zu folgen, ohne auf seine Schuhe zu tröpfeln.
Der Mann schien angestrengt auf Grey Metzgers Hauseingang zu starren.
In diesem Moment sah Konstantin, wie eine Frau in einem roten Kleid – es sah aus wie ein Abendkleid und umschmeichelte ihre vollen Rundungen – auf die Straße trat. Er zog den Reißverschluss zu und wartete noch einen Moment, bis er sie auf der Straße treffen musste, sobald er das grüne Urinal verließ.
Sie sah ihn unverhohlen an, ihr Blick glitt langsam von seinem Kopf zu den Füßen hinunter, und wieder zurück. Konstantin neigte den Kopf ein wenig und gab ihr mit einer Geste zu verstehen, dass er sie vorbeilassen wollte. Sie ging an ihm vorbei und langsam weiter. Er verfolgte sie sechs Blocks weit und erfreute sich an den knackigen Kurven ihres Hinterns, die sich durch den Stoff gut abzeichneten. Er ließ sich von ihr noch einen weiteren Häuserblock führen, dann beendete er das Spiel. Sie ging auf das hell leuchtende Glitzern im Schaufenster eines Juweliers zu, scheinbar davon angezogen wie die Motte vom Licht. Er wechselte währenddessen die Straßenseite. Er wartete nicht, bis die Fußgängerampel grün zeigte. Während er der Frau in dem roten Kleid gefolgt war, hatte er Schritte hinter sich gehört, die sich fast in seinem eigenen Rhythmus bewegt hatten.
Wie Schäferhunde lief einer vorne weg, und ein anderer folgte ihm in leichtem Abstand. Genau so hätte er es auch gemacht.
Mit dem Wissen, was um ihn herum geschah, blieb ihm nichts anderes übrig, als weiter die Aussicht zu genießen – es hatte eine fast hypnotische Wirkung, wie sich ihre Hüften beim Gehen leicht von einer Seite zur anderen neigten. Konstantin war sicher, dass genau das der Zweck des roten Kleides war: Es war der Honig auf der Falle. Doch so angenehm der Anblick auch war, er vergaß dabei nicht, dass er gerade von einem Lamm zur Schlachtbank geführt wurde. Sie beschatteten ihn sehr professionell. Dafür bedurfte es eines eingespielten und disziplinierten Teams, und der Russe fand die Tatsache äußerst interessant, dass die Zelle in Berlin beim Angriff auf die U-Bahn schon sieben Leute aus den eigenen Reihen geopfert hatte, und sie dennoch über genügend Reserven verfügte, um Metzgers Wohnung beschatten zu können.
Das war kein Zufall. In dieser Welt gab es keine Zufälle.
Sie hatten nach jemandem Ausschau gehalten.
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