Silber
Augen. Als Attentäter will man so viel Kontrolle wie möglich über die Situation und, soweit möglich, alle Elemente des Zufalls aus der Gleichung entfernen. Methodisches Vorgehen und viel Geduld sind der Schlüssel zum Erfolg.
In Basra hatte Noah fünf Tage in einem getarnten Scharfschützenversteck gelegen. Er hatte in die Wasserflaschen gepinkelt, die er leergetrunken hatte, und in die leeren Verpackungen seiner Verpflegung seine Notdurft verrichtet. Am dritten Tag hatte er den Schuss abgegeben, dann hatte er einen Tag lang beobachtet, wie sie überall in der Wüste an den falschen Stellen nach ihm suchten. Er hatte noch einen weiteren Tag gewartet, bis sie die Suche nach ihm aufgegeben hatten, und dann erst die Wüste verlassen. Er hatte sein Versteck abgebaut und nicht einmal das kleinste Anzeichen dafür hinterlassen, dass er jemals dort gewesen war. Er hörte später, wie drei der Dschihadisten ihn als den Ghost Killer bezeichneten. Das hatte ihm gefallen, und er ließ es sich auf den linken Arm tätowieren, als er wieder zu Hause war – es war das einzige, was er aus dem Irak mitgebracht hatte.
Das ist die Geduld, die ein Scharfschütze aufbringen muss.
Jemanden in seinem gewohnten Umfeld zu eliminieren ist einfacher. Die Zielperson fühlt sich sicher und folgt ihren Gewohnheiten. Gewohnheiten haben einen festen Rhythmus.
Noah hätte sich als Schütze zunächst ausgiebig im Zielgebiet umgesehen. Er hätte versucht herauszufinden, aus welcher Richtung die Zielperson kommen, und in welche sie sich entfernen würde. Jedes Gelände hat seine eigenen Besonderheiten, mit denen man sich auseinandersetzen muss. Man muss um jeden Preis verhindern, dass ein dummer Zufall wie ein Sonnenstrahl, der von einer Fensterscheibe reflektiert wird, den Schuss schwieriger macht als nötig.
Man muss alle Variablen kontrollieren können.
Wie er es auch drehte und wendete, der beste Ort für einen Anschlag auf den Papst war Rom.
„Ich habe meine Meinung geändert“, sagte Noah, als er die Augen öffnete. Neri sah ihn erwartungsvoll an. „In diesem Szenario stimmen einfach zu viele Faktoren nicht. Es geht hier nicht um den Papst, noch nicht. Es geht um Rom, so wie es heute um Berlin ging. Es muss so sein.“
„Aber was ist mit dem Vierzeiler, den der Selbstmörder zitiert hat?“, fragte Neri. „
Hoher Priester von Rom, hüte dich davor, dich der Stadt zu nähern, die von zwei Flüssen durchflossen wird. Dein Blut wirst du dort ausspeien, Deines und das der Deinen, wenn die Rose erblüht.“
Neri kannte die Passage wirklich auswendig, und Noah fragte sich, wie oft der Römer diese vier Zeilen in den letzten achtundvierzig Stunden wohl gelesen hatte.
„Das ist ein Ablenkungsmanöver“, sagte Noah, überzeugt davon, dass es stimmte. Es war die einzige Möglichkeit, die einen Sinn ergab. Er hatte sich selbst von allem anderen ablenken lassen. „Die wollen uns hilflos zappeln sehen. Sie haben es selbst gesagt, der Papst ist nicht hier. Diese Leute arbeiten äußerst exakt, sonst hätten sie nicht dreizehn absolut synchrone Selbstverbrennungen in dreizehn Städten arrangieren können. Die Anschläge von Berlin waren ebenfalls akribisch geplant. Sie würden niemals einen so stümperhaften Fehler begehen, dass sie nicht auf die Minute genau wüssten, wo Seine Heiligkeit sich gerade aufhält. Überlegen Sie mal …“ – er schüttelte den Kopf, seine Stimme bekam einen fast bewundernden Unterton – „die Botschaft handelte zwar vom Papst, aber wir vergessen ständig, dass für Berlin das Gleiche gilt. Das ist eine langfristig angelegte Drohung. Dass sich die Nachrichten für diese beiden Städte von den anderen elf unterschieden, markiert sie als Angriffsziele.
Sie haben vierzig Tage des Terrors angedroht, und nach dieser Zeit werden all unsere Götter sterben, christlich, muslimisch, und vielleicht sogar die nordischen, das spielt keine Rolle.“ Noah schnaubte. „Die Zeit läuft. Morgen werden sie ihren Schlag gegen Rom führen. Ich weiß nicht wo, und ich weiß nicht wann, aber ich verwette mein verdammtes Leben darauf, dass es Aufsehen erregen wird. In achtunddreißig Tagen kommt der Anschlag auf den Papst. Jetzt gerade liegen sie in ihrem Versteck und warten“, sagte er, als er wieder an Basra denken musste.
„Sie zeichnen ein ziemlich düsteres Bild der Zukunft“, sagte Neri. „Angenommen, Sie haben Recht, wie könnte ich Ihnen dann helfen?“
„Es ist Ihre Stadt. Wo würden Sie zuschlagen? Was würden
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