Silberband 057 - Das heimliche Imperium
auf, warf sich die drei Köcher auf den Rücken und zog, während er lauschte, die Handschuhe wieder an.
Sandal hörte nur die leisen Geräusche des Waldes, das Fauchen des Windes und hin und wieder das Zischen des Wassers, das aus der Tiefe kam.
Dann, als er sich gerade in Bewegung setzen wollte – ein kreischender Schrei.
Ein Fremder!
Sandal sah die Silhouette gegen den dunklen Himmel. Er reagierte sofort, riß einen Pfeil aus dem Köcher und spannte den Bogen aus. Er wartete und verfolgte mit den Blicken den näherkommenden Jäger.
Bedauerlich war nur, daß er seine Pfeile nicht zurückholen konnte. Sie waren verloren. Es hätte sein Leben unnötig gefährdet, wenn er die Leichen gesucht und die Pfeile herausgezogen hätte.
Dann … einhundertfünfzig Meter … einhundert Meter …
Er löste den Griff seiner Fingerglieder. Der Pfeil bohrte sich heulend in die Finsternis.
Der Verfolger ließ die Waffe fallen, breitete seine acht Arme aus und trudelte nach unten. Sandal hörte in der Stille das Krachen und Splittern der Äste. Er entdeckte keinen zweiten Verfolger, wandte sich wieder der verschwindenden Silhouette des Nadelberges zu und lief langsam los.
Er hatte vor sich etwa zwei Kilometer Weg, der entlang des sich krümmenden und Schleifen und Mäander bildenden Baches verlief. An einigen Stellen konnte er den Weg zwar abschneiden, und durch eine Art Furt waten, an vielen aber würde er der Uferlinie folgen müssen. Sandal lief langsam, sparte seinen Atem und sah sich alle fünfzig Schritte einmal um. Noch folgte ihm niemand, aber das konnte noch kommen. Die Fluganzüge waren jedenfalls viel schneller als er selbst rennen konnte. Er brauchte ein Pferd oder einen Mnesadocer, überlegte er, aber er sah weder das eine noch den anderen.
Stunde um Stunde verging.
Sandal ruhte sich dreimal jeweils eine halbe Stunde aus und versuchte einmal, Atlan über Funk zu rufen, aber er erreichte ihn nicht einmal über die Hyperverbindung.
Als er am Horizont das erste graue Licht des Morgens sah, hatte er den Einschnitt des Cañons erreicht. Ab hier fiel das Gelände langsam ab, und als er deutlichere Umrisse wahrnehmen konnte, entdeckte er auch die vielen Höhlen, die ausgewaschen und mit vielen blasenartigen Formen in der Felswand anfingen und sich nach Süden hin fortsetzten. Der Bach war zu einem schmalen reißenden Fluß geworden, offensichtlich erhielt er unterirdische Zuflüsse.
»Ich muß mich verstecken und schlafen«, sagte Sandal, hielt sich auf der rechten, also der westlichen Seite des Felseinschnittes und suchte nach einem Versteck. Er warf den Bogen über die Schulter, nahm Atlans schwere Waffe heraus und schaltete sie auf Einzelfeuer um. Dann schlich er durch das Höhlenlabyrinth und suchte einen Platz zum Schlafen. Schließlich fand er ihn – in der ersten Morgendämmerung.
Es war eine sehr hoch liegende, tiefe Nische in den warmen Felsen.
Sie war durch drei herausgewaschene Säulen geschützt, die verschiedene Schichten von farbigem Gestein zeigten. Hier würde auch kein Tageslicht eindringen, und Sandal bereitete sein Lager vor. Schließlich, als die ersten Sonnenstrahlen den Höhlenboden trafen, schlief der junge Barbar ein.
Seine Verfolger setzten ihre Jagd fort. Sie suchten seine Spuren und manchmal fanden sie sie auch. Dadurch ließ sich sein Weg ziemlich genau verfolgen. Aber als die einhundertneunzig Jäger die felsige Region erreichten, konnten sie keine Spur mehr entdecken.
Dann fiel der erste Schuß.
Vor vielen Jahrtausenden war das Hochplateau, auf dem die Vulkane tätig waren, wesentlich niedriger gewesen. Damals befand sich ein riesiger Dschungel darauf, es regnete häufig, und die winzige Quelle, die Sandal beobachtet hatte, war damals ein mächtiger Fluß gewesen. Der Fall schrumpfte immer mehr zusammen, einst hatte er in einer Breite von fast fünfzig Metern Geröll nach unten getragen und den schrägen Absturz geschaffen. Dann brach eines Tages die Planetenkruste – vermutlich durch die Erschütterungen, als der Himmelskörper aus seiner festen Umlaufbahn gerissen wurde –, und die Vulkane brachen aus. Zuerst fiel ihnen der Dschungel zum Opfer, aber nur an zwei Stellen. Im Laufe der Jahrhunderte starben immer mehr Bäume ab, die nachwachsenden wurden kümmerlicher und kleiner, und die Quellschüttung nahm rapide ab.
Damals hatte auch der Fluß, der große Strecken unterirdisch durch ausgewaschene Sandsteinhöhlen führte, den gewaltigen Cañon auf einer Länge von
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