So wahr uns Gott helfe
nahm ich mir die Akte der Verteidigung vor, und auch sie las ich Wort für Wort. Zweimal läutete das Telefon, aber ich hob nicht mal den Kopf, um nachzusehen, welcher Name auf dem Display erschien. Es interessierte mich nicht. Ich hatte Witterung aufgenommen und kannte jetzt nur noch ein Ziel. Die Wunderwaffe finden.
Als ich mit den beiden Elliot-Akten fertig war, schlug ich den Wyms-Ordner auf und studierte jedes Dokument und jeden Bericht. Ein zeitraubender Vorgang. Weil Wyms im Zuge eines größeren Polizeieinsatzes festgenommen worden war, an dem mehrere uniformierte Deputies und ein SWAT-Sonderkommando beteiligt gewesen waren, enthielt dieser Ordner einen dicken Stoß mit Berichten sämtlicher an dem Einsatz beteiligten Polizeikräfte. Dazu kamen Transkripte der mit Wyms geführten Gespräche, diverse waffentechnische und ballistische Befunde, eine umfangreiche Liste der Beweismittel, Zeugenaussagen, Aufzeichnungen der Disponenten und die Einsatzbefehle der jeweiligen Einheiten.
In der Akte tauchten zahlreiche Personen auf, die ich alle mit der Namensliste der Elliot-Akte abglich. Zudem überprüfte ich, ob möglicherweise irgendwelche Adressen übereinstimmten.
Ich musste an eine frühere Mandantin denken. Ich wusste, nicht einmal mehr ihren Namen, weil ich mir damals sicher war, dass sie einen falschen angegeben hatte. Sie stand angeblich zum ersten Mal vor Gericht, wusste aber viel zu gut über die internen Abläufe des Systems Bescheid, um wirklich eine Jungfrau zu sein. Doch egal, wie ihr richtiger Name gewesen sein mochte, irgendwie war es ihr gelungen, das System auszutricksen, so dass es sie unter dem Namen einer anderen Person führte.
Die Anklage lautete schlicht auf Einbruch. Aber dahinter steckte wesentlich mehr. Diese Frau drang mit Vorliebe in Hotelzimmer ein, in denen Männer mit viel Bargeld schliefen. Sie hatte ein Händchen dafür, die richtigen Opfer aufzuspüren und ihnen unbemerkt zu folgen, um schließlich mit großer Finesse ihre Türschlösser und Zimmersafes aufzubrechen, während sie schliefen. In einem aufrichtigen Moment, wahrscheinlich dem einzigen unserer Beziehung, erzählte sie mir von dem berauschenden Adrenalinkick, der sie durchströmte, während sie die letzte Zahl der Kombination wählte und hörte, wie der elektronische Schließmechanismus des Hotelsafes zu arbeiten begann und sich entriegelte. Den Safe schließlich zu öffnen und die Beute zu betrachten, war nie so schön wie das unbeschreibliche Gefühl, wenn sich das Räderwerk in Bewegung setzte. Weder davor noch danach gab es einen vergleichbaren Moment. Bei den Einbrüchen ging es nicht um das Geld. Es ging um das schnelle Strömen des Bluts in ihren Adern.
Ich hatte nur genickt, als sie mir davon erzählt hatte. Ich war nie in ein Hotelzimmer eingebrochen, in dem irgendein Kerl im Bett lag und schnarchte. Aber diesen Moment, in dem sich das Räderwerk in Bewegung setzt, den kannte ich. Dieses Gefühl, wenn das Blut schneller zu fließen begann, war auch mir vertraut.
Ich fand, was ich suchte, eine Stunde nach Beginn meiner zweiten Aktendurchsicht. Es war die ganze Zeit direkt vor meiner Nase gewesen. Zuerst in Elliots Festnahmeprotokoll und dann auf dem Zeitdiagramm, das ich selbst gezeichnet hatte. Ich nannte das Diagramm den Weihnachtsbaum. Es begann immer nackt und ungeschmückt. Nur die schlichten Fakten des Falls. Wenn ich den Fall dann weiterstudierte und mir zu eigen machte, begann ich Lichter und Christbaumschmuck daran anzubringen. Details und Zeugenaussagen, Beweise und Laborbefunde. Bald erstrahlte der Baum in hellem Lichterglanz. Nun erst konnte ich alles im Kontext von Zeit und Ereignis betrachten.
Beim Zeichnen des Weihnachtsbaums hatte ich mich vor allem auf Walter Elliot konzentriert. Er war der Baumstamm, und alle Zweige gingen von ihm ab. Ich hatte seine Ortswechsel, Aussagen und Handlungen akribisch in ihrer zeitlichen Abfolge aufgelistet.
12:40
WE trifft im Strandhaus ein
12:50
WE entdeckt Leichen
13:05
WE wählt Notrufnummer
13:24
WE wählt erneut Notrufnummer
13:28
Deputies treffen am Tatort ein
13:30
WE in Gewahrsam genommen
14:15
Ermittler der Mordkommission treffen ein
14:40
WE auf Malibu-Wache gebracht
16:55
WE vernommen, auf Rechte hingewiesen
17:40
WE nach Whittier gebracht
19:00
Schmauchspurentest
20:00
Zweiter Vernehmungsversuch, abgelehnt, Festnahme
20:40
WE im Men’s Central
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