Splitternest
musste Baniter fliehen, so rasch wie möglich.
»Ich wünsche Euch Glück«, sagte er zu Cercinor. »Bringt Eure Leute sicher ans andere Ufer. Aber ich muss hier bleiben. Eine kleine Wanderung steht mir bevor.« Hastig stieg er den Hang empor. »Lebt wohl.«
Der Rochenländer beachtete ihn gar nicht mehr. Er hatte sich längst seinen Männern zugewandt und erteilte ihnen Befehle. Sie hingen an seinen Lippen, schienen dankbar, dass ihnen jemand Mut zusprach und sie anführte.
Macht die Angst sie so blind, dass sie Sternengängers Versprechen für bare Münze nehmen? Glauben sie tatsächlich, es könnte ihnen auf jener anderen Welt besser ergehen als hier?
Er kannte die Antwort. Diese Verzweifelten hatten keine Wahl. Sie mussten sich an die Hoffnung klammern, gerettet zu werden. Und Baniter Geneder war nicht besser als sie; auch er war verzweifelt, auch er hoffte und bangte um sein Leben.
Er erreichte den Eingang der Burg. Sah sich ein letztes Mal um und blickte auf Praa, die zerstörte, geschändete, verwandelte Stadt. Starrte dann auf die abwärts führende Treppe. Ein unheilvolles, grünes Schimmern drang aus der Tiefe empor.
Ohne zu zögern, rannte er die Stufen hinab und kehrte zurück ins Verlies der Schriften.
KAPITEL 7
Könige
Dichter Nebel hing über dem Land, weiß und undurchdringlich, als wollte er den Grund verhüllen. Pechschwarzer Schlamm bedeckte den Acker; in Pfützen stand brackiges Wasser. Fauliger Geruch in der Luft. Kein Vogel am Himmel. Kein Strauch, kein Baum wuchs in der Ödnis. Kein Leben weit und breit.
Aber der Eindruck täuschte. Der Acker war fruchtbar. An einigen Stellen lugten zartgrüne Triebe aus dem Morast, streckten die dünnen Köpfe dem Licht entgegen. Noch drückte der Nebel die Halme nieder. Doch bald würde er in der Sonne verdunsten. Dann würde der Keim gedeihen und dem Land sein grünes Kleid überstreifen. Eine neue Welt erwachte. Sternengängers Traum wurde wahr.
Im Nebel ragten Schiffsmasten auf. Sie standen schräg, waren zerborsten und abgeknickt. Zwei Schiffe ruhten im Schlamm, irrwitzig ineinander verkeilt: eine Galeere mit zerschlagenen Rudern und ein alter, wurmstichiger Segler. Sein Schriftzug lautete: HOTTEPOSSE. Beide Schiffe waren verlassen, ihre Mannschaften fort. Sie waren auf der neuen Welt gestrandet. Denn der See Velubar, dessen Wasser sie getragen hatte, war verschwunden; ringsum lagen nur die dunklen Brocken des Ackers.
Nun wurden Stimmen laut. Eine Gruppe von Menschen kämpfte sich durch den Nebel; Männer, Frauen, Kinder. Ein Mädchen schluchzte. Seine Mutter versuchte es zu beruhigen. Der Nebel bildete seltsame Wirbel und zerfiel. Er entließ die Wandernden aus seinem kalten Griff.
Es waren wohl achttausend, die über den Acker wankten. Tief sanken ihre Stiefel ein, die schweren Männer gar bis zu den Knien. Sie kamen kaum vorwärts. Die Reisebündel hielten sie über den Köpfen, in ihren Gesichtern Erschöpfung und Furcht.
An der Spitze schritt ein bärtiger Mann. Er trug einen Fellmantel, auf dem der Schlamm zu einer rissigen Kruste erstarrt war. Sein langes Haar war klatschnass, es klebte ihm im Nacken. Nun blieb er stehen, betrachtete die Schiffe. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Er streckte die Hand aus, fuhr über das zerborstene Holz der Hotteposse.
»Den Göttern sei Dank … wir sind nicht die einzigen!«
Er strich sich die Haare aus dem Nacken. Dann drehte er sich zu den Menschen um.
»Volk von Kathyga!«
Keiner sagte ein Wort. Einige nahmen ihre Bündel herab; doch alle warteten, was der König zu sagen hatte.
»Unsere Wanderung endet hier. Ihr habt daran gezweifelt, dass wir sie lebend überstehen. Ihr dachtet, das Kind würde uns in den Tod führen. Manch einer weigerte sich, ihm zu folgen. Wir haben viele zurückgelassen. Aber ihr, die ihr an mich glaubtet, die ihr meinen Worten vertraut habt – hier steht ihr nun auf festem Grund. Wir sind gerettet.«
Die Menschen schwiegen. Ihre Augen schweiften umher und sahen doch nichts als Nebelfetzen und Morast, der sich in alle Richtungen erstreckte. Die Trostlosigkeit des Ackers war erdrückend. Doch niemand wagte, dem König ins Wort zu fallen. Was gab es schon zu sagen nach dieser Wanderschaft, nach dem Grauen der vergangenen Tage?
»Ihr solltet dankbar sein«, rief Eshandrom, der letzte König von Kathyga. »Das Kind Laghanos hat uns von einer Welt gerettet, die dem Untergang geweiht war. Die Götter schickten ihn, und wir folgten Laghanos. Alles haben wir
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