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Stadtgeschichten - 03 - Noch mehr Stadtgeschichten

Stadtgeschichten - 03 - Noch mehr Stadtgeschichten

Titel: Stadtgeschichten - 03 - Noch mehr Stadtgeschichten Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Armistead Maupin
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mehr als tausendsiebenhundert Kalorien zu sich nehmen sollte, aber er war süchtig nach Limo und süßem Gebäck. Außerdem hatte er chronischen Husten.«
    »Das hab ich gelesen«, sagte Mary Ann.
    »Er hustete die ganze Zeit. Viele Tempelmitglieder dachten, es käme davon, daß er ihre Leiden übernahm.«
    »Das versteh ich nicht.«
    »Na ja, wissen Sie, er hat Leute gesund gemacht. Oder jedenfalls so getan. Viele sahen in ihm einen Heiler. Er hielt Heilsitzungen ab, bei denen er für jemand betete, der, sagen wir mal, Krebs hatte … dann verließ er den Raum, kam kurz darauf mit einer Handvoll Hühnermagen wieder und behauptete, das wäre der Krebs.«
    »Soll das heißen …«
    »Er hatte ihnen den Krebs aus dem Körper gerissen.«
    »Und das haben die Leute geglaubt?«
    »Manche schon. Andere haben so getan, weil sie seine Ziele guthießen.«
    »So haben sich hier auch viele verhalten.«
    »Ja. Und viele von den armen Seelen glaubten, daß er ihre Krankheit übernahm, sobald er sie davon heilte. Das war seine Variante des Gangs nach Golgatha. Seine Krankheit war um so beklagenswerter – bekamen wir zu hören –, weil es in Wahrheit unsere Krankheit war und er sie für uns auf sich nahm.«
    »Wie entsetzlich.«
    DeDe zuckte mit den Schultern. »Sie machen sich keine Vorstellung, wie nobel und gut es ihn damals aussehen ließ.«
    »Aber Sie haben es ihm nicht abgekauft, oder?«
    »Die Sache ist doch die«, sagte DeDe beinahe gereizt, »daß der Mann krank war. Alle konnten das sehen. Heute läßt sich rückblickend leicht sagen, daß wohl vieles davon psychosomatisch war oder so … aber damals wirkte das alles verdammt echt. Auch seine Arthritis. Die Schwellungen an seinen Handgelenken und Händen waren ziemlich auffällig. Ich war schockiert, als ich sie zum erstenmal sah. Eines Tages kam ich in die Krabbelstube und fand ihn dort mit den Zwillingen …«
    »Es gab dort eine Krabbelstube?«
    DeDe dachte kurz nach. »Sie hieß Cuffy Memorial Baby Nursery, um genau zu sein.«
    »Cuffy«, wiederholte Mary Ann. »Wie niedlich.«
    »Cuffy war ein schwarzer Befreiungskämpfer aus Guyana.«
    »Ach so.«
    »Auf jeden Fall stand Dad … stand Jones in der Krabbelstube, hielt den kleinen Edgar im Arm und sang ihm etwas vor … und dazu diese großen geschwollenen Hände. Es wirkte mitleiderregend und grausig zugleich. Es wäre wohl normal gewesen, wenn ich mich geekelt hätte, aber ich spürte nur ein merkwürdiges Mitleid … und einen panischen Schrecken natürlich. Ich schlich mich näher, um zu hören, was er sang, aber es war gar nicht die übliche Revolutionshymne. Es war ›Bye Baby Bunting‹.«
    Mary Ann war drauf und dran, »Also nee!« zu sagen, fing sich aber im letzten Moment noch. »Irgendwas Anständiges muß er doch gehabt haben, sonst wären Sie nicht so lang geblieben. Sie hatten noch nicht mal Fluchtpläne, bis Sie von dem Zyankali erfuhren, oder?«
    DeDe nickte. »Es lag wahrscheinlich an seiner Krankheit. Er wirkte durch sie weniger bedrohlich, eher verletzlich. Und zum Teil lag es daran, daß ich … dort alles gewöhnt war. Es war eine beschissene kleine Welt, aber wenigstens wußte ich, wie sie funktionierte. Verstehen Sie, was ich meine?«
    Mary Ann nickte. Sie mußte unwillkürlich an Halcyon Communications denken.
    »Die Wahrheit ist«, fuhr DeDe fort, »daß ich eine Idiotin war. Ich hab damals doch tatsächlich geheult, als er uns zusammenrief und verkündete, daß er Krebs hätte.«
    »Wann war das?«
    »Im August, glaub ich. Anfang August. Kurz danach kam ein Arzt namens Goodlett aus San Francisco. Er untersuchte Jones und sagte, er könne keinen Krebs entdecken. Es handle sich wahrscheinlich um eine Pilzinfektion der Lunge. Jedenfalls versuchte er, Jones davon zu überzeugen, daß er den Dschungel verlassen mußte, damit man Tests machen und eine genaue Diagnose stellen konnte. Doch Jones hatte furchtbare Angst davor, auch nur einen Tag aus Jonestown wegzugehen. Charles Garry traf besondere Vorkehrungen, damit er in Georgetown untersucht werden konnte – das heißt, ohne festgenommen zu werden –, aber Jones hatte Angst, daß es während seiner Abwesenheit zu einem Aufstand kommen könnte.«
    »Das heißt, er hat noch klar gedacht. «
    »Wenn es um die Macht ging, immer«, sagte DeDe. »Aber klar, ein bißchen später setzte dann die Sucht ein. Quaaludes zusammen mit Kognak, Elavil, Placidyl … Valium, Nembutal und so weiter und so fort. Marceline sah, wie er vor ihren Augen verfiel, und

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