Tanz des Lebens
Wie immer lag seine Hand locker um Fayes Armbeuge geschlungen. Jemand, der sie nicht kannte, würde sie für sehr enge Freunde halten. Und wie immer beugte Faye sich dicht zu seinem Ohr und erzählte ihm leise flüsternd, was sie sah. Sie bemerkte, wie er den Kopf schief hielt, und sah seinen sehnsüchtigen Gesichtsausdruck.
Liebevoll strich sie ihm über sein verstrubbeltes Haar. Sie wusste, wie groß sein Herzenswunsch war, die Welt irgendwann einmal mit seinen eigenen Augen zu sehen. Unterdessen war auch Liam stehen geblieben. Mit den Händen in den Taschen seiner Jeans vergraben, beobachtete er ihr Geflüster mit einer undefinierbaren Miene. Als sie den Kopf wieder hob, begegnete sie seinem Blick. Ein seltsames Lächeln umspielte seine Mundwinkel.
»Ja, genau, Luke«, beantwortete er seine Frage. »Das ist das Grundprinzip der Schule. Anfangs kommen die Interessierten nur aus Spaß hierher. Um eine neue Sportart kennenzulernen oder aus Gründen der Selbstverteidigung, wie auch immer. Auf dieser Welt gibt es viele grausame Nats, aber auch genauso viele – wie du es ausdrückst – übersinnlich begabte Menschen . Bevor sie zu uns kommen, wissen die meisten nichts von ihren besonderen Fähigkeiten. Die Aufgabe der Akademie ist es, diese Schüler herauszufiltern und dann zu fördern. Die Anfänger üben in separaten Hallen in einem anderen Gebäude. Sie bekommen dieses außergewöhnliche Training, welches ihr hier seht, überhaupt nicht mit. Erst wenn wir ihre besondere magische Begabung erkennen, kommen die auserwählten Schüler zur weiteren Ausbildung hierher. Wenn ihre Gabe erwacht ist, sind sie auch bereit, sie anzunehmen, und schließen sich den jeweiligen Zirkeln an. Hier in diesen Räumen trainieren ausschließlich die Besten der drei Zirkel.«
Bei seinen Worten durchflutete Faye ein seltsames Kribbeln. Ein stechender Schmerz durchzuckte sie. Diesmal war es Luke, der fürsorglich ihren Arm drückte und an Liam gewandt fragte: »Sorry, aber ich steh grad auf der Leitung. Was hat das hier alles mit meinem Nat-Siegel zu tun und was sind die drei Zirkel?«
Liam wollte gerade zu neuen Erklärungsversuchen ansetzen, als mit einem lauten Knall das Eingangsportal aufgerissen wurde und ein Mädchen den Saal betrat. Bei ihrem Anblick verschlug es Faye die Sprache. Noch nie hatte sie ein schöneres Mädchen gesehen.
Sie hatte lange blauschwarze Haare, die ihr bis über die Taille flossen, große graue Augen mit dichten Wimpern in einem herzförmigen Gesicht und eine filigrane, fast zerbrechlich wirkende Figur, die sie gekonnt in einem ockerfarbenen, enganliegenden Top und Leggins zur Schau stellte. Mit einem kurzen abschätzenden Blick in Fayes immer noch bewunderndes Gesicht trat sie auf die kleine Gruppe zu. Bei ihrer Begrüßung lächelte sie hintergründig.
Dabei spürte Faye eine riesige Wand der Ablehnung und unnahbare Feindseligkeit, die sie sich beim besten Willen nicht erklären konnte. Sie spürte eine scheue Röte auf ihrem Gesicht. Verlegen lächelte sie, doch das Mädchen fragte über ihren Kopf gewandt in Richtung Liam: »Wer von den beiden ist es? Das Mädchen?«
»Nein«, erwiderte Liam schnell und mit dröhnender Stimme, die echoartig in der großen Halle widerklang. Mit wenigen Schritten glitt er an Fayes Seite und legte ihr einen Arm um die Taille. »Es ist der Junge! Sein Name ist Luke und das ist seine Schwester Faye. Und das ist Nia«, wandte er sich an die Geschwister, »sie tanzt normalerweise mit Quin in den Moongadawnächten«, sagte er mit einem Kopfnicken in Richtung des Mädchens.
Ihre abschätzende Musterung verwirrte Faye, ebenso wie ihr vielsagender Ausdruck, als sie Liam mit gerunzelter Stirn wortlos ansah. Luke schien die geballte Spannung, die in der Luft lag, zu spüren. »Hi«, sagte er mit betonter Fröhlichkeit in der Stimme und reichte ihr die Hand. »Keine Sorge, wir sind nur so lange zu Besuch hier, bis mein Tribal-Siegel gelöscht ist. Wenn wir Glück haben, fallen wir euch also nicht allzu lange zur Last.«
»Darauf kannst du wetten«, raunte das Mädchen. Nachdem sie ihn sekundenlang taxiert hatte, hob sie den Kopf und blickte in die Runde. »Na, dann lasst euch nicht stören. Macht ruhig weiter bei eurem Fragen- und Antwortspiel.«
Der Griff von Liams Hand um Fayes Taille wurde härter. »Hör gut zu, Nia«, flüsterte er gefährlich leise, »ich werde nicht zulassen, dass du unseren Besuch so unhöflich behandelst. Wir haben das gestern ausführlich und bis zur
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