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Tintorettos Engel

Titel: Tintorettos Engel Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Melania G. Mazzucco
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knarrte die Holzdecke. Die Wände hatte ich mit Paneelen ausgekleidet, die ich als Tafel und Notizwand nutzte. Ich hängte Zeichnungen daran auf, entwarf flüchtige Skizzen und ab und an eine verkürzte Figur, die ich früher oder
später würde gebrauchen können. Doch die Paneelen dienten mir auch als Lärmschutz. Das endlose Geweine von Dominico - später von Dominico und Marco und noch später von Dominico, Marco und Gerolima - störte meine Konzentration, zermarterte mich, trieb mich regelrecht in den Wahn. Ich probierte alles, um sie zu vergessen - steckte mir sogar Watte ins Ohr. Bis unter die Decke vollgestopft mit sinnlosen und sonderbaren Gegenständen, glich das Atelier einem Lager. Man konnte sich kaum darin bewegen. Alles war versperrt von Gipsabdrücken, Statuen oder Bruchstücken davon, kolossartigen Füßen, schädellosen Büsten, nie fertiggestellten und vom Bildhauer verworfenen Pferdeläufen, aufgerollten oder auf provisorischen Rahmen aufgespannten Leinwänden, Helmen, Harnischen aus dem vorigen Jahrhundert und in Togen und Pelzmäntel gekleideten Puppen in Metallrüstung oder mit Hirtenstab im Arm. In der Mitte stand ein Holzhaus in Kleinformat, das ich aus vier Kastanienbrettern zusammengenagelt hatte und in dem Figuren aus Pappmaché wohnten. Ich verbrachte Stunden damit, sie zu verstellen und zu beleuchten, um die Lichteffekte auf ihren Körpern und die Schattenwürfe zu studieren. Von der Decke hing kopfüber ein lebensgroßes Wachsmodell, das bei jedem Luftzug hin und her baumelte und das ich zu Zeiten des Wunders für den heiligen Markus gebraucht hatte. Als wir ihm später - für ein anderes Bild - Flügel anklebten, wurde er zu unserem Engel. Wir betrachteten ihn als einen aus unserer Familie. Redeten sogar mit ihm.
    Dieser immerdunkle Raum, bevölkert von geheimnisvollen Figuren in eigenartigen Kostümen, übte auf meine kleine Tochter eine unwiderstehliche Anziehung aus. Eines Abends überraschte ich sie, wie sie mit den Modellfiguren in meinem Häuschen spielte. Sie mochte sie lieber als ihre eigenen Puppen. Und da sie alles tat, was ich tat, verschob sie die Fäden, bis die Figuren die gewagtesten Positionen einnahmen, und verstellte die Lampen derart, dass sie Gefahr lief, sich zu verbrennen oder gleich das
ganz Atelier, das Haus, uns alle in Brand zu setzen. Es war nicht das erste Mal, und mir riss endgültig der Geduldsfaden. Marietta war unverbesserlich. Sie war bereits sieben Jahre alt. Von Anfang an hatte ich ein zu weiches Herz gehabt. Wenn ich sie jetzt nicht bestrafte, würde ich es nie mehr tun. Ich überlegte, was dieses neugierige und ungehorsame Kind am meisten erschrecken könnte.
    Als auf einmal die Hand unseres Engels mein Haupt streifte, kam mir eine unselige Idee. Ich nahm ein Seil zur Hand, knotete es Marietta um die Hüfte und schleppte sie wie einen Sack Getreide die Treppe hinauf. Meine Tochter jammerte nicht, hielt sich für die Strafe bereit. Ich hängte sie neben unseren Engel an den Dachbalken. Als ich sie losließ, tastete sie ins Leere.«Nun flieg und lass ein Wunder geschehen, wenn du kannst», forderte ich sie auf.
    Ich stieg wieder hinab. Meine Tochter versuchte vergeblich, sich an meinen Haaren festzuhalten. Je kräftiger sie nach mir schnappte, umso heftiger schaukelte und drehte sie sich um das Seil, das sich zu verzwirbeln begann. Als wäre sie ins Wasser gefallen, strampelte sie wild mit Armen und Beinen. Ich hockte mich auf den Boden, rückte erst die Modellpuppen zurecht, dann die Laternen. Ihr kleiner Schatten züngelte an der Wand, flog über das Puppenhaus hinweg und streifte meine Hände. Sie hing über mir in der Luft.«Marietta», sagte ich in ernstem Ton,«du kannst hier nicht spielen. Wenn du ein Junge wärst, würde ich dir das Malen beibringen und dich überallhin mitnehmen. Aber du bist ein Mädchen. Und daran kann man nichts ändern, weder du noch ich. Das, was nicht zu ändern ist, muss man akzeptieren.»«Warum kann man nicht das ändern, was man nicht akzeptieren kann?», flüsterte sie.«Du musst bei Faustina bleiben», fuhr ich verwirrt fort.«Du kannst mit Dominico spielen. Ich werde dir andere Puppen aus Pappmaché basteln, so viele, wie du willst. Aber fass meine Modelle nicht an. Diese Sachen hier sind nicht für dich. Ich lass dich wieder herunter, wenn du mir versprichst, nie wieder diesen Raum zu betreten.»«Nein!», ertönte es laut über mir.

    Ich hob den Kopf. Sie war zu Tode erschrocken.«Sei doch vernünftig, mein

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