Todesrennen
Stelle einsetzen, die er dir beschreibt, und zwar zu genau dem Zeitpunkt, den er dir beschreibt. Verstanden?«
»Ich verstehe.«
»Okay, und jetzt verschwinde.«
Er gab den Schlägern ein Zeichen.
»Sie bringen dich sicher aus dieser Gegend. Du bist jetzt ein wertvoller Mann, und wir wollen nicht, dass sich die Leute fragen, woher du irgendwelche Beulen und Blutergüsse hast. Aber vergiss nicht, niemand darf dieses mit Wasser gefüllte Rohr auch nur zu sehen kriegen. Sobald jemand irgendwelche neugierigen Fragen stellt, ist Chicago um ein hübsches Gesicht ärmer.«
Sie brachten ihn zur Tür. Der Salonwirt rief: »Übrigens, wenn du daran denken solltest zu überlegen, was es ist und wie es funktioniert, vergiss es. Und falls du es herauskriegen solltest und es dir nicht gefällt, dann denk an Daisys süßes Näschen. Und an ihre Augen.«
Isaac Bell setzte Dashwood nicht weit vom Palmer House um die Ecke in einem kleinen Hotel ab, das Van-Dorn-Agenten von außerhalb einen Rabatt gewährte. Dann fuhr er in den Levee District und parkte in einer Straße, die sich seit zehn Jahren kaum verändert hatte. Motorisierte Lastwagen warteten statt Pferdefuhrwerken in einer langen Schlange vor dem Zeitungsdepot. Aber in der Gosse glänzte noch immer schmieriges Kopfsteinpflaster, und die wackligen alten Bauten beherbergten nach wie vor Saloons, Bordelle, billige Pensionen und Leihhäuser.
Im trüben Licht der weit auseinanderstehenden Straßenlaternen konnte er die Nahtstelle zwischen altem und neuem Mauerwerk erkennen, wo Harry Frosts Dynamitladung die Mauern des Depots beschädigt hatte. Ein Mann schlief in dem Hauseingang, in dem seinerzeit die verängstigten Zeitungsjungen Schutz gesucht hatten. Eine Straßendirne tauchte aus einer schmalen Gasse auf. Sie entdeckte den Packard und näherte sich ihm mit einem hoffnungsvollen Lächeln.
Bell erwiderte das Lächeln, sah ihr in die Augen und drückte ihr eine goldene Zehn-Dollar-Münze in die Hand. »Geh nach Hause. Gönn dir eine freie Nacht.«
Er nahm nicht für eine Minute an, dass die Van Dorn Detective Agency Harry Frost aus Chicago vertrieben hatte. Der Erzgauner hatte die Stadt freiwillig und aus ganz persönlichen Gründen verlassen. Denn es war Bell ernüchternd klar, dass Harry Frost genauso anpassungsfähig wie unberechenbar war. Unterwegs in diesem Thomas Flyer übernahm der Stadtgangster die tödliche und vollständige Kontrolle über die Prärien des Mittleren Westens und das Land jenseits des Mississippi, während ihm die Politiker, Bankiers und Gauner in seiner Chicagoer Organisation den Rücken freihielten, ihm telegrafisch Geld schickten und seine Befehle ausführten.
Einen Telegrafisten im Thomas mitzunehmen war ein wahrer Geniestreich. Harry Frost konnte Dave Mayhew auf Telegrafenmasten entlang der Eisenbahnstrecken klettern lassen, um die Leitungen anzuzapfen, die Morsesignale abzuhören und ihm mitzuteilen, was die Bahnhofsvorsteher über den Fortgang des Rennens berichteten. Teuflisch, dachte Bell. Frost hatte auf diese Art und Weise Hunderte von bereitwilligen Helfern, die Josephine für ihn überwachten und beschatteten.
Ein Betrunkener kam schwankend um die Ecke, schmetterte seine Flasche in die Gosse und stimmte ein Lied an.
»Come Josephine, in my flying machine …
Up, up, a little bit higher
Oh! My! The moon is on fire …«
28
James Dashwood holte Isaac Bell einhundertsiebzig Meilen westlich von Chicago auf einem Güterbahnhof in der Nähe der Peoria Fairgrounds am Ufer des Illinois River ein. Es war ein heißer, schwüler Abend – typisch für die Staaten des Mittelwestens, so informierte Bell den jungen Kalifornien Und der Geruch von Kohlenrauch und Dampf, die sowohl von den mit Kohlenteer imprägnierten Eisenbahnschwellen als auch von den Abendmahlzeiten der Mechaniker stammten, die über offenen Feuern brutzelten, schwängerte die Luft.
Die Hilfszüge parkten Seite an Seite auf parallelen Abstellgleisen, die für den Tross des Rennens reserviert worden waren. Bells Zug war der zweitnächste an der Hauptstrecke. Vor ihm stand nur ein vier Waggons langer Privatzug, grün lackiert mit goldenen Verzierungen und somit das Statussymbol eines Holzmagnaten, dessen Geld im Vanderbilt-Syndikat steckte und der verkündet hatte, er sähe keinen Grund, weshalb er nicht weiterhin mitfahren sollte, nur weil sein Kandidat mit einem Signal- und Weichenstellwerk kollidiert war. Schließlich war Billy Thomas auf dem Weg der Besserung und
Weitere Kostenlose Bücher