Todesrennen
Frost längst mit den Schatten verschmolzen. Bell rief: »Frost! « Aber alles, was er als Antwort hörte, war ein Lachen, das unter einem weiter entfernten Pier verhallte.
»Wo ist Josephine?«, brüllte Isaac Bell im Büro des Viehhofs ins Telefon.
»Sind Sie okay, Isaac?«, fragte Joseph Van Dorn.
»Wo ist Josephine?«
»Sie hat auf Bedloe’s Island ihr Lager aufgeschlagen und repariert gerade ihre Flugmaschine. Wo sind Sie?«
»Wer passt auf sie auf?«
»Sechs meiner besten Detektive und siebenundzwanzig Zeitungsreporter. Ganz zu schweigen von Mr. Preston Whiteway, der die Insel auf einer Dampfjacht umkreist und mit Suchscheinwerfern die Nacht zum Tage macht, damit Ihre Verlobte gute Bilder aufnehmen kann. Sind Sie okay?«
»Ich bin in Bestform, sobald ich einen neuen Propeller, eine neue Tragflächenstrebe und eine Remington Autoloader habe.«
»Ich gebe Marion Bescheid, dass Sie wohlauf sind. Wo sind Sie, Isaac?«
»In der Viehabteilung des Güterbahnhofs in Weehawken. Frost konnte fliehen.«
»Das scheint bei ihm allmählich zur Gewohnheit zu werden«, stellte der Boss sachlich fest. »Konnten Sie ihm wenigstens eins verpassen?«
»Ich habe ihm wahrscheinlich ein Ohr weggeschossen.«
»Immerhin etwas.«
»Aber das hat ihn nicht aufgehalten.«
»Wo will er jetzt hin?«
»Keine Ahnung«, gab Bell zu. Sein Kopf schmerzte, und sein Unterkiefer fühlte sich an, als hätte er auf einer Handvoll Nägeln herumgekaut.
»Meinen Sie, er versucht es noch mal?«
»Er hat mir versichert, dass er keine Ruhe geben wird, bis er sie getötet hat.«
»Sie haben mit ihm gesprochen?« Der Tonfall von Van Dorns Stimme verriet, dass – wenn Bell durch die Telefonleitung hätte blicken können – er hätte miterleben dürfen, wie sein Chef ruckartig die Augenbrauen hob.
»Nur kurz.«
»Wie ist sein Geisteszustand?«
Genau darüber hatte Isaac Bell die ganze Zeit nachgedacht, seit er an Land geschwommen war.
»Harry Frost ist nicht verrückt«, sagte er. »Tatsächlich scheint ihm das Ganze auf irgendeine seltsame Art und Weise sogar Spaß zu machen. Wie ich Whiteway schon in San Francisco gewarnt habe, weiß Frost genau, dass dies sein letztes Spiel ist. Er wird die Karten nicht hinwerfen, sondern mitbieten und versuchen, die Bank zu sprengen.«
Joseph Van Dorn sagte: »Nichtsdestoweniger würde der Aufwand, den er betreibt, um den angeblichen Fehltritt seiner Frau zu rächen, von den meisten als ›wahnsinnig‹ bezeichnet werden.«
»Ich habe eine Frage, Joe. Warum hat Frost Ihrer Meinung nach Josephine nicht getötet, als sie noch zusammen waren?«
»Was meinen Sie?«
»Warum hat Frost stattdessen auf Marco geschossen?«
»Um die Affäre zu beenden … und in der Hoffnung, dass sie zu ihm zurückkommt.«
»Ja. Bis auf einen Punkt. Nachdem er Marco getötet hat – oder zumindest annimmt, dass er tot ist …«
»Das ist er«, unterbrach Van Dorn seinen Chefermittler. »Das haben wir doch wohl geklärt.«
»… Marco entweder getötet hat oder versucht hat zu töten«, erwiderte Bell unbeirrt, »aber warum versucht Frost jetzt, Josephine umzubringen?«
»Er ist entweder tatsächlich verrückt oder rasend vor altmodischer Eifersucht. Der Mann ist doch bekannt für seine unkontrollierten Wutausbrüche.«
»Warum hat er Josephine nicht zuerst getötet?«
»Verlangen Sie etwa von mir eine Erklärung für die Mordreihenfolge eines Irren?«
»Wissen Sie, was er zu mir gesagt hat?«
»Ich war nicht dabei, als er sich aus dem Staub machte, Isaac«, erwiderte Van Dorn spitz.
Isaac Bell war zu intensiv mit seinen Überlegungen beschäftigt, um Van Dorns bissigen Seitenhieb zu kontern. »Harry Frost sagte zu mir: ›Sie haben keine Ahnung, was sie vorhatten.‹«
»Was sie vorhatten? Marco und Josephine wollten gemeinsam durchbrennen, das hatten sie vor – zumindest hat Frost so etwas vermutet.«
»Nein. Er klang ganz und gar nicht so, als meinte er nur eine Liebesaffäre. Er deutete an, dass sie irgendeinen Plan verfolgten. Es war, als sei er ihnen auf die Schliche gekommen, dass sie etwas viel Schlimmeres im Schilde führten, als eine Affäre zu haben.«
»Was hätte das sein sollen?«
»Das weiß ich nicht. Aber ich habe allmählich den Verdacht, dass wir es mit etwas weitaus Komplizierterem zu tun haben, als wir zu Beginn angenommen haben.«
»Wir haben den Auftrag erhalten, Josephine davor zu beschützen, getötet zu werden«, erwiderte Van Dorn mit Nachdruck. »Und bis jetzt ist das
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