Ueber Deutschland
schnellwirkende Züge, tiefe und der Einsamkeit angehörige Eindrücke.
Göthe ist, in dieser Gattung von Werken, im höchsten Grade natürlich; nicht nur natürlich, wenn er nach seinen eigenen Empfindungen spricht, sondern auch, wenn er sich in ganz neue Gegenden, Sitten und Situationen versetzt; seine Poesie nimmt leicht den Anstrich der fremden Länder an, mit einem ganz einzigen Talente ergreift er das Gefällige in den Nationalgesängen jedes Volks; er wird, wenn er will, zum Griechen, Indier oder Morlacken. Wir haben oft von dem gesprochen, was die nordischen Dichter auszeichnet, der Melancholie und dem Tiefsinn; Göthe vereinigt, wie jedes Genie, erstaunenswürdige Gegensätze in sich; man findet in seinen Gedichten viele Spuren des Characters der Bewohner des Südens; er ist befreundeter mit dem Leben als die Nordländer; er empfindet die Natur mit mehr Kraft und Heiterkeit, sein Geist hat jedoch deshalb nicht weniger Tiefe, allein sein Talent hat mehr Leben; man findet bei ihm eine gewisse Naivetät, welche eine Erinnerung an die antike Einfachheit, und an die des Mittelalters zugleich erweckt: es ist nicht die Naivetät der Unschuld, sondern die der Kraft. Man bemerkt in Göthe's Poesieen, daß er eine Menge Hindernisse, conventioneller Gesetze, Kritiken und Bemerkungen, welche man ihnen entgegenstellen könnte, verachtet. Er folgt seiner Einbildungskraft, wohin sie ihn führt, und ein gewisser Stolz im Großen befreit ihn von den Bedenklichkeiten der Eigenliebe. Göthe ist in der Poesie ein Künstler, der der Natur im hohen Grade Meister ist, und noch bewundernswerther, wenn er seine Gemälde nicht vollendet: denn alle seine Skizzen enthalten den Keim einer schönen Dichtung; allein seine vollendeten Dichtungen setzen nicht immer eine glückliche Skizze voraus.
In seinen Römischen Elegieen muß man keine Beschreibungen Italiens suchen. Göthe thut fast nie das, was man von ihm erwartet, und wenn Pracht in einer Idee liegt, so mißfällt sie ihm; er will durch einen Umweg, und gleichsam ohne daß der Verfasser und Leser darum zu wissen scheinen, Wirkung hervorbringen. Seine Elegieen malen den Eindruck Italiens auf seine ganze Existenz, jene glückliche Trunkenheit, womit ihn ein glückliches Clima erfüllte. Er erzählt seine Vergnügungen, selbst die gemeinsten, nach Art des Properz, und von Zeit zu Zeit geben einige schöne Erinnerungen an die weltbeherrschende Stadt der Einbildungskraft einen um so lebhaftem Schwung, je weniger sie darauf vorbereitet war.
Einmal erzählt er, wie er in der Campagna di Roma einer jungen Frau begegnete, auf den Trümmern einer antiken Säule sitzend, ihr Kind säugend: er will sie über die Ruinen befragen, die ihre Hütte umgeben; sie weiß nicht, wovon er redet, ganz dem Triebe hingegeben, der ihre Seele erfüllt, liebt sie, und so existirt nur der gegenwärtige Augenblick für sie.
Ein griechischer Schriftsteller erzählt, daß ein junges Mädchen, geschickt in der Kunst, Blumen zu flechten, mit ihrem Liebhaber wetteiferte, der sie zu malen verstand. Göthe hat hieraus ein reizendes Sujet geschaffen. Der Verfasser dieses Gedichts ist auch der Author Werthers. Von dem Gefühl an, welches Anmuth giebt, bis zu der Verzweiflung, die das Genie exaltiert, hat Göthe die Liebe in allen ihren Schattirungen durchlaufen.
Nachdem er im neuen Pausias zum Griechen geworden, führt uns Göthe, durch eine Erzählung voll Reiz, nach Indien. Ein indischer Gott (Mahadöh) nimmt die sterbliche Form an, um über die Freuden und Leiden der Menschen, nachdem er sie selbst erprobt, urtheilen zu können. Er durchstreift Asien, beobachtet die Großen und das Volk; als er eines Tages an den Ufern des Ganges auf und niedergeht, hält ihn eine Bajadere an, und ladet ihn ein, in ihrer Wohnung zu ruhen. In dem Gemälde der Tänze dieser Bajadere, der Düfte und Blumen, mit denen sie sich schmückt, ist so viel Poesie, es trägt ein so orientalisches Gepräge, daß man nach unsern Sitten diese ihnen so durchaus fremde Darstellung nicht beurtheilen kann. Der indische Gott flößt diesem verirrten Weibe wahrhafte Liebe ein, und gerührt von ihrer Rückkehr zum Guten, die eine aufrichtige Anhänglichkeit immer zur Folge hat, beschließt er, das Herz der Bajadere durch Unglück zu läutern.
Bei ihrem Erwachen findet sie ihren Geliebten todt an ihrer Seite: die Priester Brama's tragen den leblosen Körper weg, den der Scheiterhaufen verzehren soll. Die Bajadere will sich zugleich mit dem Geliebten
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