Ueber Deutschland
darzustellen. Lilis Park, das Hochzeitlied im alten Schlosse malen die Thiere nicht wie Menschen nach Lafontaine's Art, sondern wie wunderbare Geschöpfe mit denen die Natur ein heitres Spiel treibt. Auch aus dem Quell des Wunderbaren lockt Göthe Scherze, die um so liebenswürdiger erscheinen, als sich kein ernsthafter Zweck dabei erkennen läßt.
Sein Zauberlehrling verdient in dieser Hinsicht eine besondere Erwähnung. Der Schüler eines alten Hexenmeisters hat von ihm einige magische Worte murmeln hören, durch die er einen alten Besen zwingt, ihn zu bedienen; er behält sie, und befiehlt dem Besen, ihm aus dem Flusse Wasser zu holen, um das Haus zu scheuern. Der Besen geht und kömmt, und bringt einen Eimer Wasser nach dem andern, und hört nimmer auf. Der Lehrling will ihm nun Einhalt thun, aber er hat die dazu nöthigen Worte vergessen; und der Besen, seiner Pflicht getreu, steigt immer wieder zum Flusse hinab, schöpft immer neues Wasser, und begießt, oder überschwemmt damit das ganze Haus. In seinem Zorn ergreift der Lehrling ein Beil und haut den Besen mitten durch, aber was geschieht? – Die beiden Enden des Stiels werden zwei Knechte statt Eines, und laufen nun beide nach Wasser, und gießen es um die Wette mit mehr Eifer als je, in den Stuben umher. Der Lehrling mag die dummen Stöcke ausschelten, so kräftig er will, sie treiben ihr Gewerbe ohne Unterlaß, und, das Haus ist im Begriff zu sinken, als der Meister noch zur rechten Zeit dem Lehrling zu Hülfe kömmt und ihn wegen seiner lächerlichen Anmaßung verspottet. Die ungeschickte Nachahmung der großen Geheimnisse der Kunst ist in dieser kleinen Scene vortrefflich dargestellt.
Noch müssen wir einer unerschöpflichen Quelle poetischer Wirkung in Deutschland gedenken, des Graulichen. Zauberer und Gespenster gefallen dem Volke, wie den aufgeklärten Menschen. Das ist noch ein Ueberrest der nordischen Mythologie; es ist eine Stimmung, welche erweckt wird durch die langen Nächte des nördlichen Himmels: überdies behält der Volks-Aberglaube, obgleich das Christenthum alle grundlose Schrecknisse bestreitet, immer Ähnlichkeit mit der herrschenden Religion. Fast alle wahre Vorstellungen haben einigen Irrthum in ihrem Gefolge; er stellt sich in der Einbildungskraft, wie der Schatten zur Seite der Wirklichkeit; es ist ein Glaubensluxus, der sich gewöhnlich mit der Religion, wie mit der Geschichte verbindet, und ich wüßte nicht warum man ihn nicht benutzen sollte. Shakespeare hat durch Gespenster und durch Zauberei bewundernswürdige Wirkungen hervorgebracht, und die Poesie kann nicht populär werden, wenn sie dasjenige verschmäht, was eine unwillkührliche Gewalt über die Einbildungskraft ausübt. Genie und Geschmack können die Benutzung solcher Mährchen regeln: allein es gehört um so mehr Talent zu ihrer Behandlung, je gemeiner der Inhalt ist, vielleicht aber besteht die große Gewalt eines Gedichts nur allein in dieser Vereinung. Wahrscheinlich wurden die in der Ilias und der Odyssee erzählten Begebenheiten lange zuvor von Ammen gesungen, ehe Homer seine Meisterwerke daraus machte.
Bürger ist unter allen Deutschen derjenige, der diese Ader des Aberglaubens, welche so tief in das menschliche Herz hinabreicht, am besten zu benutzen gewußt hat. Daher sind auch seine Romanzen in Deutschland von jedermann gekannt. Die berühmteste unter allen, Lenore ist, so viel ich weiß, noch nicht ins Französische übersetzt, wenigstens würde es sehr schwer seyn, alle ihre Einzelnheiten durch unsere Prosa oder unsere Verse wiederzugeben.
Ein junges Mädchen ist in Angst, von ihrem, in den Krieg gezogenen, Geliebten keine Nachricht zu haben. Der Friede wird abgeschlossen, alle andere Soldaten kehren in ihre Heimath zurück. Mütter finden ihre Söhne, Schwestern ihre Brüder, Gattinnen die Gatten wieder, Kriegstrommeten begleiten die Friedensgesänge, und Freude herrscht in Aller Herzen. Lenore durchläuft umsonst die Reihen der Krieger, sie findet ihren Geliebten nicht, niemand kann ihr sagen, was aus ihm geworden. Sie verzweifelt, ihre Mutter sucht sie zu beruhigen, aber Lenorens junges Herz empört sich gegen ihren Schmerz, und in ihrer Verirrung hadert sie mit der Vorsehung. In dem Augenblick, wo die Gotteslästerung ausgestoßen wird, fühlt man etwas Unheilbringendes durch das Gedicht hinziehn, und von diesem Augenblick an bleibt auch die Seele in fortwährender Erschütterung.
Um Mitternacht hält ein Reiter vor Lenorens Thür; sie hört
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