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Ueber Deutschland

Titel: Ueber Deutschland Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Germaine de Staël
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verachten; anderntheils verwischt sich das Andenken an die interessantesten Einzelheiten, wenn man sie nicht an eine Dichtung knüpfet, welche die Einbildungskraft zu ergreifen im Stande ist. Die rührende Reinheit, die den Hauptreiz des Voßischen Gedichtes ausmacht, läßt sich, wie es mir scheint, am besten aus dem Segen des Pfarrers, bei der Hochzeit seiner Tochter, erkennen.
Gottes Segen mit dir, holdseliges, allerliebstes
    Töchterchen; Gottes Segen auf dieser Erd' und im Himmel!
    Ich bin jung gewesen und alt geworden, und vielfach
    Hab' ich Freude von Gott, und vielfach Kummer geschmecket,
    Im abwechselnden Leben, und Gott gedanket für beides!
    Gerne will ich nunmehr mein graues Haupt zu den Vätern
    Niederlegen in's Grab: denn meine Tochter ist glücklich!
    Glücklich, weil sie es weiß, daß unser Gott wie ein Vater
    Seiner Kindelein pflegt, durch Freud' und Kummer uns segnet!
    Wunderbar regt sich mein Herz beim Anblick einer geschmückten
    Jungen Braut, wie sie hüpfend, in holder kindlicher Einfalt,
    An des Bräutigams Hand den Pfad durchs Leben beginnet:
    Alles zu tragen gefaßt in Einigkeit, was auch begegne;
    Ihm mitfühlend die Lust zu erhöhn, zu erleichtern die Unlust;
    Und, will's Gott, von der Stirne den letzten Schweiß ihm zu trocknen!
    Eben so wallete mir's von Ahndungen, als nach der Hochzeit
    Ich mein jugendlich Weib heimführete. Freudig und ernstvoll
    Zeigt' ich ihr am Moore die Grenzstein' unseres Feldes,
    Jetzo den Kirchenthurm und die Wohnungen, jetzo das Pfarrhaus, 
    Wo uns beiden so manches bevorstand, Gutes und Böses!
    Du, mein einziges Kind! denn in Wehmuth, denk' ich der andern,
    Wann mein Gang zur Kirch' an der blumigen Gruft mich vorbeiführt!
    Bald, du Einzige! wirst du auf jenem Wege dahinziehn,
    Welchen ich kam; bald steht mir des Töchterchens Kammer verödet,
    Und des Töchterchens Stelle bei Tisch; ich horche vergebens
    Ihrer Stimm' in der Fern' und ihrem kommenden Fußtritt.
    Wann du mit deinem Mann auf jenem Wege dahinziehst;
    Schluchzend werd' ich und lange mit heißen Thränen dir nachsehn!
    Denn ich bin Mensch und Vater, und habe mein Töchterchen herzlich,
    Herzlich lieb! und mich liebt mein Töchterchen eben so herzlich!
    Aber ich werde getrost mein Haupt aufheben zum Himmel,
    Trocknen mein Angesicht, und, fest die Hände gefaltet,
    Mich im Gebete vor Gott demüthigen, der wie ein Vater
    Seiner Kindelein pflegt, durch Freud' und Kummer uns segnet!
    Sein ist auch das Gebot, des Liebenden: „Vater und Mutter
    Soll verlassen der Mensch, daß Mann und Weib sich vereinen.“
    Geh dann in Frieden, mein Kind; vergiß dein Geschlecht, und des Vaters
    Wohnungen; geh' an der Hand des Jünglings, welcher von nun an
    Vater und Mutter dir ist! Sei ihm ein fruchtbarer Weinstock
    Um sein Haus; die Kinder um eueren Tisch, wie des Oelbaums
    Sprößlinge! So wird gesegnet ein Mann, der dem Herrn vertrauet!
    Lieblich und schön seyn ist nichts; ein gottesfürchtiges Ehweib
    Bringet Lob und Segen! Denn, bauet der Herr das Haus nicht,
    Dann arbeiten umsonst die Bauenden!....

    Das ist wahre Einfachheit, nämlich des Gemüths, die dem Volke wie den Königen, den Armen wie den Reichen, allen Creaturen Gottes gleicherweise ziemt. Man wird der beschreibenden Poesie leicht müde, wenn sie Gegenstände darstellt, die in sich selbst nichts Großes haben; aber die Gefühle steigen vom Himmel herab, und wie niedrig der Ort sey, wohin ihre Strahlen dringen, so verlieren diese nichts von ihrer Herrlichkeit.
    Die außerordentliche Bewunderung, die Göthe den Deutschen einflößt, hat seinem Gedichte Hermann und Dorothea, den Namen eines epischen verschafft, und einer der geistreichsten Männer in jedem Lande, Wilhelm von Humboldt, ein Bruder des berühmten Reisenden, hat über dies Gedicht ein Werk voll höchst philosophischer und anziehender Bemerkungen geschrieben. Hermann und Dorothea ist auch ins Französische und Englische übersetzt; doch giebt die Uebersetzung keine Vorstellung von dem Reize, der in diesem Werke herrscht; eine sanfte und ununterbrochene Rührung athmet von dem ersten bis zum letzten Verse darin, und die kleinsten Einzelheiten haben eine natürliche Würde, die Homers Helden nicht verunzieren könnte. Nichts desto weniger, muß man sich gestehen, haben die Personen und die Begebenheiten zu geringe Wichtigkeit: der Gegenstand hat zureichendes Interesse, wenn man das Gedicht im Original liest, in der Uebersetzung verschwindet dies. Beim Epos scheint es mir erlaubt, eine Art

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