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Unter dem Zwillingsstern

Titel: Unter dem Zwillingsstern Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Tanja Kinkel
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eine Schauspielerin nicht. Ich hoffe nur, ich sterbe tatsächlich und werde nicht nur verprügelt.
    Morgen im Krankenhaus aufzuwachen und für ein halbes Jahr arbeitsunfähig zu sein wäre scheußlich.
    »Geschieht es j e tzt, so geschie h t es nicht in de r Zukunft«, zitierte sie Ha m let, »geschieht es nicht in der Zu k unft, so geschieht es jet z t; geschie h t e s jetzt n ic h t, so gesc hi eht es doch einmal in Zukunft. In Bereitschaft sein ist a ll e s. Da kein Mensch weiß, was er verläßt, was kommt es darauf an, frühzeitig zu verlassen?«
    Erika drückte ihr die Hand. Dann sti e ß sie einen leisen Pfiff aus.
    »Sieh an, sieh an. Die Polizei ist da und hat sich darauf besonnen, daß wir zu den Guten gehören.«
    In der Tat hörte m an, wie sich neue Rufe aus dem Tu m ult schälten.
    »Herr Mann«, sagte Carla, »ist m eine Handtasche noch da? Könnten Sie… ? «
    Er warf sie ihr in d i e Hände; Carla stöberte hastig nach ihrer Brille und setzte sie auf. Ihr Blickfeld klä r te sich. Kathi st a nd nicht m ehr an der W and, s ondern redete auf einen Polizisten ein, während ein anderer s i ch um zwei weine n de Frauen, d i e sich festhielten, b e m ü hte. Die m eisten Stühle lagen, umgefallen oder zu Bruch gegangen, auf d e m Boden, doch von den Vandalen w ar nichts m e hr zu erkennen. Carla schaute auf ihre Ar m banduhr.
    »Ein beneidenswert schneller Abgang, finden Sie nicht?« sagte sie zynisch zu Erika Mann, die nickte und langsam auf die paar Stufen zuging, die zu der i m provisierten Bühne e m porführten.
    Am Ende blieb Carla noch, um m i t Käthe und einigen anderen Freiwilligen den Saal wenigstens notdürftig aufzuräu m en. Die Verantwortlichen der L i ga waren etwas grau im G e sicht bei der Vorstellung, für das zerbrochene Mobiliar und die Verletzungen, die bei dem Handge m enge entstanden waren, haftbar zu sein.
    »Zum Glü c k ist wenigstens keiner gestorben«, sagte Constanze Hallgarten erschöpft. »Das wäre m ein schlimmster Albtrau m : Tote auf einer pazifistischen Versam m l ung.«
    »Der jetzige Albtraum ist schon schlimm genug«, entgegnete Käthe grim m i g. »Die Veranstaltung i s t ruiniert, keiner von den Nazis wurde verhaftet, alle sind entkom m e n, und d a m it wird die L i ga für das alles hier zahlen m ü ssen.« Sie stem m t e die Hände in die Hüften.
    »Ganz ehrlich, Constanze, ich bin froh, daß die Jungen von der Roten Fahne da waren. Jetzt glauben Sie m i r vielleicht, daß m a n Gewalt m anch m al a uch m it Gewalt begeg n en m uß, um höhere Ideale durchzusetzen.«
    »Nein, Käthe, das glaube ich noch immer nicht.«
    »Hätten wir uns vielleicht alle verprügeln lassen sollen ? « begehrte Käthe auf.
    »Laß es gut sein, Kathi«, m einte Carla besch w ichtigend. »Es ist vorbei.«
    »Ja, das ist es.« Doch auf ihr e m W e g in Käthes Wohnung, wo Carla übernachtete, um am nächsten M orgen wieder zurück na c h Berlin zu fahren, hatte sich ihre Leh r erin noch im m er nicht beruhigt.
    » W enn es darum geht, einen Streik niederzuschlagen oder eine D e m onstration zu verbieten, ja, da ist die bayerische Polizei gleich zur Stelle u nd findet a u ch im m er ein paar Rädelsführer z u m Verhaften. Aber nicht, wenn eine pazifistische Veranstaltung terrorisiert wird. Der Zustand…«
    W eiter k am sie n ic h t, d e n n C arla legte ihr plötzlich einen Finger auf den Mund. Sie hatte Schritte gehört, die ihnen folgten, und das schon seit einiger Zeit, so daß es sich kaum mehr um ein e n Zufall handeln konnte. Sie blieb stehen, und das W iderhallen auf dem Asphalt hörte auf, wie ein Echo. L a ngsam drehte sie sich u m . Drei Männer standen in etwa fünf Meter Abstand von ihnen auf dem Gehsteig. E i ner von ihnen hatte ein m alträtiertes Auge.
    »Schau an, schau an«, sagte er. »Zwei von den v e rräterischen Weibern. So ganz allein, m eine D a m en ? «
    Käthe, die s ich m it Carla u m gewandt hatte, m u sterte die M änner verächtlich und erwider t e laut: »Zum Glück.«
    Dann nahm sie Carlas A r m , und sie gingen w eiter. Dies m al beschränkten sich die Männer nicht darauf, ihnen zu folgen, sondern sie liefen ihnen hinterher, bis sie d i e beiden Frauen eingeholt hatten. Einer von ihnen stellte sich vor sie, die anderen beiden an ihre Seiten.
    »Aber warum denn so eilig ? «
    » W o Sie doch so a Herz für die Franz m änner haben, können S’ auch a bisserl nett zu uns Einhei m ischen sein.«
    Käthe preßte die Lippen zusam m en. »Lassen Sie

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