Unter dem Zwillingsstern
eine Schauspielerin nicht. Ich hoffe nur, ich sterbe tatsächlich und werde nicht nur verprügelt.
Morgen im Krankenhaus aufzuwachen und für ein halbes Jahr arbeitsunfähig zu sein wäre scheußlich.
»Geschieht es j e tzt, so geschie h t es nicht in de r Zukunft«, zitierte sie Ha m let, »geschieht es nicht in der Zu k unft, so geschieht es jet z t; geschie h t e s jetzt n ic h t, so gesc hi eht es doch einmal in Zukunft. In Bereitschaft sein ist a ll e s. Da kein Mensch weiß, was er verläßt, was kommt es darauf an, frühzeitig zu verlassen?«
Erika drückte ihr die Hand. Dann sti e ß sie einen leisen Pfiff aus.
»Sieh an, sieh an. Die Polizei ist da und hat sich darauf besonnen, daß wir zu den Guten gehören.«
In der Tat hörte m an, wie sich neue Rufe aus dem Tu m ult schälten.
»Herr Mann«, sagte Carla, »ist m eine Handtasche noch da? Könnten Sie… ? «
Er warf sie ihr in d i e Hände; Carla stöberte hastig nach ihrer Brille und setzte sie auf. Ihr Blickfeld klä r te sich. Kathi st a nd nicht m ehr an der W and, s ondern redete auf einen Polizisten ein, während ein anderer s i ch um zwei weine n de Frauen, d i e sich festhielten, b e m ü hte. Die m eisten Stühle lagen, umgefallen oder zu Bruch gegangen, auf d e m Boden, doch von den Vandalen w ar nichts m e hr zu erkennen. Carla schaute auf ihre Ar m banduhr.
»Ein beneidenswert schneller Abgang, finden Sie nicht?« sagte sie zynisch zu Erika Mann, die nickte und langsam auf die paar Stufen zuging, die zu der i m provisierten Bühne e m porführten.
Am Ende blieb Carla noch, um m i t Käthe und einigen anderen Freiwilligen den Saal wenigstens notdürftig aufzuräu m en. Die Verantwortlichen der L i ga waren etwas grau im G e sicht bei der Vorstellung, für das zerbrochene Mobiliar und die Verletzungen, die bei dem Handge m enge entstanden waren, haftbar zu sein.
»Zum Glü c k ist wenigstens keiner gestorben«, sagte Constanze Hallgarten erschöpft. »Das wäre m ein schlimmster Albtrau m : Tote auf einer pazifistischen Versam m l ung.«
»Der jetzige Albtraum ist schon schlimm genug«, entgegnete Käthe grim m i g. »Die Veranstaltung i s t ruiniert, keiner von den Nazis wurde verhaftet, alle sind entkom m e n, und d a m it wird die L i ga für das alles hier zahlen m ü ssen.« Sie stem m t e die Hände in die Hüften.
»Ganz ehrlich, Constanze, ich bin froh, daß die Jungen von der Roten Fahne da waren. Jetzt glauben Sie m i r vielleicht, daß m a n Gewalt m anch m al a uch m it Gewalt begeg n en m uß, um höhere Ideale durchzusetzen.«
»Nein, Käthe, das glaube ich noch immer nicht.«
»Hätten wir uns vielleicht alle verprügeln lassen sollen ? « begehrte Käthe auf.
»Laß es gut sein, Kathi«, m einte Carla besch w ichtigend. »Es ist vorbei.«
»Ja, das ist es.« Doch auf ihr e m W e g in Käthes Wohnung, wo Carla übernachtete, um am nächsten M orgen wieder zurück na c h Berlin zu fahren, hatte sich ihre Leh r erin noch im m er nicht beruhigt.
» W enn es darum geht, einen Streik niederzuschlagen oder eine D e m onstration zu verbieten, ja, da ist die bayerische Polizei gleich zur Stelle u nd findet a u ch im m er ein paar Rädelsführer z u m Verhaften. Aber nicht, wenn eine pazifistische Veranstaltung terrorisiert wird. Der Zustand…«
W eiter k am sie n ic h t, d e n n C arla legte ihr plötzlich einen Finger auf den Mund. Sie hatte Schritte gehört, die ihnen folgten, und das schon seit einiger Zeit, so daß es sich kaum mehr um ein e n Zufall handeln konnte. Sie blieb stehen, und das W iderhallen auf dem Asphalt hörte auf, wie ein Echo. L a ngsam drehte sie sich u m . Drei Männer standen in etwa fünf Meter Abstand von ihnen auf dem Gehsteig. E i ner von ihnen hatte ein m alträtiertes Auge.
»Schau an, schau an«, sagte er. »Zwei von den v e rräterischen Weibern. So ganz allein, m eine D a m en ? «
Käthe, die s ich m it Carla u m gewandt hatte, m u sterte die M änner verächtlich und erwider t e laut: »Zum Glück.«
Dann nahm sie Carlas A r m , und sie gingen w eiter. Dies m al beschränkten sich die Männer nicht darauf, ihnen zu folgen, sondern sie liefen ihnen hinterher, bis sie d i e beiden Frauen eingeholt hatten. Einer von ihnen stellte sich vor sie, die anderen beiden an ihre Seiten.
»Aber warum denn so eilig ? «
» W o Sie doch so a Herz für die Franz m änner haben, können S’ auch a bisserl nett zu uns Einhei m ischen sein.«
Käthe preßte die Lippen zusam m en. »Lassen Sie
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