Unter dem Zwillingsstern
der Saison für das Her m es-Theater hatte er den Kirschgarten von Tschechow vorgesehen das inti m e K a m m erspiel nach der T r agödie und der Farce -, doch er sch m iedete bereits Plä n e f ür sein großes Projekt im Herbst. Es sollte ein Zusammenschnitt von allen Shake s peareschen Königsdra m en m i t Ausnah m e von König Johann und Heinrich VIII. werden, ein Ma m mut-Ereignis, das Gigantischste, was das Berliner Theater je gesehen hatte. Die g ewalti g en Kürzungen aller d ings sc h ob er v o r si ch her; unter Druck, dachte Robert, arbeitete es sich immer am besten.
Sein einundzwanzigster Geburtstag im April wurde allerdings einer der wenigen Tiefpunkte des Frühjahr s , was zum größten Teil an den Gästen lag. Dada Go l d m ann, Jean-Pierre, Dieter, das Her m es-Ense m ble und Monikas Fa m ilie unt e r einen Hut zu bringen war nervenzerfetzend, ganz zu schweigen v on den Kerns, die in dem ständigen Tohuwabohu nicht wußten, wohin sie als nächstes flüchten sollten. Dada wurde senti m ental und erzählte zu viele Kindheitsgeschic h ten, J ean-Pierre b r achte Mon i kas Vater fast dazu, noch vor der eigentlichen Feier abzureisen, und R obert selbst hatte m ehr Wutausbrüche in zwei Tagen als während der gesa m t en Frühjahrsproben im Theater.
»Eines i s t m ir klar«, sagte Carla, die ihre Rolle als k ran k es Mädchen in Zuck m ayers neuestem Stück, Der Haup t mann von Köpenick, wo sie wie d er m it dem verehrten W erner Krauß zusam m en spielte, vorschützte, um sich möglichst w e nig an den Feierlichkeiten zu beteiligen, zu Robert, »ich werde in diesem Jahr nicht einundzwanzig. W enn das irgend je m and behauptet, leugne ich. Ich werde überhaupt erst einundzwanzig werden, w enn ich reich genug bin, um an dem Tag n a ch Ti m buk t u zu flüchten.«
Doch selbstverständlich wußte er, wann sie einundzwanzig wurde, und am ersten Mai stür m te er m it Hugo und den übrigen Freunden unter ihren Kollegen in ihr Zim m er und zerrte sie bis in sein Theater, wo m an ihr eine Aufführung des Sketc h es präsentierte, den er für sie geschrieben hatte. N i na Rebendorf, die unter den weiblichen Ense m bl e m itgliedern Carla a m ähnlichsten sah und es genoß, ein m al selbst im Rampenlicht st att da h i nt e r zu stehen, s pielte Carla, wie sie an i h rem achtzig s t en G eburt s tag v on drei ehrfürchtigen R eportern (Hugo, Helmut und Robert) interviewt wurde.
»Ja, m eine Anfänge w a ren bescheiden«, sagte sie und hantierte m it einem Stift heru m , wie es Carla hä uf ig tat, nur daß der Stift dies m al ein dreißig Zenti m eter großer Füll f ederhalter aus Pappe war. »Sie können sich gar nicht vorstellen, w as für eine Zu m utung es für m ich war, m it so unbedeutenden A m ateur e n wie W e r ner Krauß in so gut wie unbesuchten Inszenierungen zu spielen.«
»Und stimmt es, daß Helene Thi m ig Sie um Nachhilfe bat ? «
»Leni? Du m eine Güte, junger Mann, Leni hat von m ir gelebt!« Am Schluß holten sie die vor Lachen fast zusam m engebrochene Carla auf die Bühne, um mit i h r ge m einsam das Lied aus der Fledermaus zu singen, das jeder von ihnen irgendwann im Chor gelernt hatt e : Im Feuerstrom der Reben. D a nach tranken sie alle den Sekt, den Robert besorgt hatte, wenn auch aus Pappbechern, und Carla flüsterte Robert zu: »Warum kannst du das nur so gut für andere und nicht für dich selbst?«
» W eil du keine Gäste eingeladen hast. Aber warte noch bis m orgen, bevor du m i r deinen überwältigten Dank aussprichst.«
»Robert«, fragte sie m i ßtrauisch, »wie m einst du das ? «
» W egen des Katers«, entgegnete Robert unschuldig, und da sie wirklich gl ü cklich war, dachte sie nicht weiter darüber nach, bis sie nach i h rem Au f tritt im zweiten Akt des Hauptmann von Köpenick in die Garderobe ka m , die m an die s m al Anne m arie Seidel und ihr zugeteilt hatte, und dort ihren Schwager Philipp vorfand.
»Du hast keine weitere Szene in diesem Stück«, sagte Philipp anstelle einer Begrüßung, »daher befreit dich die Leitung heute vom Schlußapplaus.«
Verschiedene Gedanken gingen ihr durch den Kopf, nicht zuletzt eine Verwünschung an die Adresse des verräterischen Robert, denn wenn sich Philipp nicht gerade die Mühe gemacht hatte, ihre Geburtsurkunde einzusehen, konnte er nichts von ihrem Geburtstag wissen. Marianne und er hatten ihn jedenfalls im m er ignoriert.
Weil sie n icht wußte, was sie s agen sollte, ent s chloß sie sich vorläufig für
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