Unter dem Zwillingsstern
nicht, Darsteller st o l p erten durch die Geg e nd, die Drehbühne, die während der Inszenierung wegen d e r häufigen Szenenwechsel durchgehend verwendet wurde, geriet ins Schleud e rn, und ein großer Teil der Dekoration landete im Publikum. Kurzu m , es war der vollkom m e ne Albtrau m . Hinterher hieß es, es sei alles die Schuld des jungen König gewesen, weil er die Proben zu spät angesetzt hatte, viel zuwenig von ihnen durchzog und dann auch noch zu spät k a m. Nebenbei, er spielte Falstaff, und das noch nicht ein m al schlecht, es w a r eine interessante Konzeption, ein melancholischer Falstaff statt eines fröhlichen. Aber das ging in dem allge m einen Chaos so gut wie unter. Jeder dachte, gut, die Seifenblase ist geplatzt, das war’s.«
»Und ? « fragte Genevieve m it hochgezogenen A ugenbrauen. » W egen eines V ersagers hätten Sie m ich ja nicht hierhergeschleppt.«
»Ziehen Sie keine voreiligen Schlußfolgerungen. Nun, der Junge hat auf jeden Fall Nerven. Er lec k te eine W eile seine W unden, dann kündigte er sein nächstes Shakespeare-Projekt an, Othello, und das gleic h zeitig m it dem Othello am S t aatlichen T h eater, wo die beiden derzeit berüh m testen deutschen Schauspieler den Othello und den Jago geben, Werner Krauß und Heinrich George. Dann holte er sich als Jago das zweite aufsteigende A llround-Talent hier in Berlin, Gustaf Gründgens. W enn Sie gesehen h a ben, Genevieve der Anführer der Gangster, das war Gründgens. Solche Fil m schurken spielt er öfter, daneben hat er bei Reinhardt gearbeitet, selbst Aufführungen an der Krolloper inszeniert und vorher in Ha m burg zie m lich Furore ge m acht. Den Kritik e rn ist sein Her u mwerkeln in allen Fä c hern verdächtig, aber wie gesa gt , er i s t im Kom m en. Mut m aßlich hat ihn die Gelegenheit gerei z t, m i t je m ande m , d e m man ebenfalls mangelnde Seriosität vorwirft, in den Ring zu steigen, um die Giganten herauszufordern. Auf jeden Fall hat es si ch ausgeza h lt Sie sehen ja, das Theater ist v oll.«
»Und auf welchen von beiden soll ich nun m e i n kritisches Auge werfen ? «
Kohner winkte ab und legte d i e Finger auf die Lippen.
»Das Stück fängt gleich an.«
»Ekel«, sagte Genevieve, aber sie verzichtete auf weitere Ko mm entare. Sie ging no r m alerweise kaum ins Theater. Das Zentrum der a m erikanischen Theaterwelt befand sich in New York, wo m an auf Hollywood und die W e stküste im a llge m einen herabsah, eine Verachtung, die Genevieve aus vollem He r zen erwiderte. Sie glaubte an den Fil m , seine Ausdr u cks m öglichkeiten, sei n e Einzig a rtig k eit. Das Theater war heute, zu Beginn des Jahres 1932, bereits das Medium von gestern. Trotzde m , hin und wieder fand m a n Talente dort, und sie kannte si ch einigermaßen m it d e n wichtigsten Stücken des internationalen Repertoires aus. S i e wußte auch, worum es in Othello ging, was ihr half, d e m Stück zu folgen, und nach den ersten Minuten stellte sie für sich fest, daß m ang e lnde Sprach k enntnis s e a u ch ihren Vorteil hatten. So konnte m an die stim m lichen Ausdrucksmöglichkeiten und die Körpersprache der Schauspieler besser beurteilen.
Der Jago verfügte auf jeden Fall über Präsenz; sie konnte sich in der Tat an s einen Au f tritt in M erinnern, auch w enn ihr Hauptaugen m erk in diesem Fi l m Längs genialem Sinn für Massenbe w egungen und Bildkompositionen gegolten h atte, und a b gesehen da v on Peter Lorre als Mörder. Er hatte eine h e lle, scharfe Stim m e, die wie seine hagere Erscheinung wunderbar m it d e m Sch a uspieler des Othello kontrastierte, der nicht nur groß, sondern auch wuchtig gebaut war und in einem weichen, tiefen Bariton sprach, der häufig bis zum Bass herabreichte. Er war zu jung für s e ine Rolle, hatte sich aber einiger m aßen glaubwürdig älter zurecht g e m acht. Bei Othellos er s tem großen Monolog schloß sie die Augen; ja, diese Stim m e war ei ndeutig ein Phäno m en. Bei dem Schlußsatz, »Sie liebte mich, weil ich Gefahr bestand/ ich liebte sie um ihres Mitleids willen«, schaute Genevieve wieder auf u nd erstarrte.
Inzwischen war der Zeitpunkt für Desde m onas ersten Auftritt gekom m en. S i e hatte nicht nach der D esde m ona ge f ragt, weil bei je d er Version von Othello, die sie kannte, die Desdemonas völlig in den Schatten von Othello und Jago gerieten und daher vorwiegend m it unbedeutenden Schauspielerinnen besetzt wurden. Daher traf sie die Intensität der jungen F r au,
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