Unter dem Zwillingsstern
wäre unser ureigenstes bayerisches Phäno m en.«
»Nicht m ehr«, sagte Carla und zuc k te die Achseln. » E iner war in m einer Kla s se und hat uns die ga n ze Zeit da m it gelan g weilt, d as deutsche Dra m a m üsse endlich w i eder bodenständiger werden; er klang schlimmer als Schwager Phil i pp. Und als er nach dem ersten S e m ester rausflog, hielt er noch eine große Rede über die Verjudung des deutschen Theaters und die R e inhardt-Bühnen als den schlim m sten Auswuchs. Natürlich hat er nicht gesagt, w arum er sich dann überhaupt beworben hat.«
Das Kino war voll, sehr voll, aber, flüsterte Carla Robert zu, stolz darauf, dies m al die Großstadtkundige zu sein, im W inter gab es noch nicht ein m al m ehr Stehplätze, wenn m an nicht rechtzeitig ka m , weil viele Arbeitslose, die ihre W ohnung nicht heizen konnten, den ganzen Tag in den wa r m en, billi g en Kinopalä s t en verbrachten. Doch i m Som m er verstärkte die Anwesenheit so vieler Menschen n ur die Hitze. Sie lac h ten über B u ster Keaton m it seinem st e i ner n en Gesicht, wie er unbeirrt durch den a m erikani s chen Bürgerkrieg lief, um seine Loko m otive zu retten, aber an s chließend waren sie so verschwitzt, daß sie beschlossen, schw i m m en zu gehen. Da sie beileibe nicht als einzige diese Idee hatten, dauerte es eine W eile, bis sie einen freien Platz fanden. Es war wunderbar, das kühle W asser auf der Haut zu spüren, in es einzudringen, sich für kurze Zeit, befreit von der Schwerkraft, abzustoßen und sich anschließend, abgekühlt, in der Sonne trocknen zu lassen. Carla fand ein m al m e hr, daß kurzes Haar seine Vorz ü ge hatte. Nein, sie wür d e sich die H aare b estim m t nicht m ehr wach s en lassen.
»Robert«, sagte sie m it geschlossen e n Augen; die Sonne sickerte in sie hinein, und sie genoß die W ä r m e, die nun nicht m ehr drückend, sondern angenehm einlullend war, »du könntest einen Agenten neh m en. Das macht jetzt j e der, a u ch w e nn die alten Schauspieler es als Menschenhandel bezeichnen. Aber ich hätte die Anstellung in Nürnberg nicht bekommen, wenn Herr Held nicht gewesen wäre. Nächstes Ja h r sind deine guten Kriti k en schon alt.«
»Dann neh m e ich m i r nächstes J a hr einen Agent e n«, erwiderte Robert m it seinem unerschütterlichen Selbstbewußtsein. »Nach A m erika kann ich nur dieses Jahr, und außerde m …«, er rollte sich auf den Bauch und schaute zu ihr hinüber, »… habe ich noch etwas anderes vor, außer als Ere m it zu reisen, m eine ich. Rate.«
Sie haßte dieses Spiel, weil sie j ed es m al falsch riet, doch sie tat ihm den Gefallen. Doch er plante w e der, sich E r nst Lubitsch in Hollywood als Max Reinhardts lang verschollener unehelicher Sohn vorzustellen, noch, in New York den Broadway zu erobern, noch, sich von einem Indianersta m m adoptieren zu lassen.
»Ich werde ein Buch schreiben. Eigentlich war es nur ein Scherz von Max«, eine Sekunde dachte sie, er m eine den Professor, wie jeder, der in Berlin von »Max« sprach, doch d a nn erin n erte sie sich wieder an seinen Schuldirektor, » a be r i ch g l au b e, d as w äre e tw as für m i ch. Ein Buch über das elisabethanische Theater. Nicht nur Shakespeare, auch die anderen Stücke, die bei uns kein Mensch kennt, und wie m an sie heutzutage aufführen sollte. M its a m t Illustrationen natürlich.«
Abrupt riß sie die Lider auf, um nachzuprüfen, ob er sie neckte, doch seine vertrauten haselnußfarbenen Augen sahen sie durchaus ernsthaft an, so ernst h aft, wie es ihm möglich war.
»Und was weißt du von heutigen Aufführungen, großer Meister? Außerhalb der Schule und der Schweiz, m eine ich.«
»Unke. Ich habe schon in Berliner Theatern gesessen, als du noch m it Kathi die Verfassung auswe n dig gelernt hast, und außerd e m kannst du Ausbund an W i ssen m i r ja helfen. Deswegen bin ich in Berlin, Carla. Ich wollte dich fragen, ob du m i t m i r nach A m erika kom m st. Laß das Klinkenputzen, fahr m it m ir, und wenn wir dann zurückkehren, dann brauchst du nicht Dienst m ädchen in der Provinz zu spielen, sondern wir werden die Sensation hier in Berlin.«
Einen Moment lang ließ Carla sich von seiner überzeugenden, werbenden Stim m e m itreißen. Es war wie da m a ls, als er sie aus d e m Internat geholt hatte; ein Ausbr u ch aus dem vernünftigen Leben in etwas völlig Verrücktes, und warum nicht, warum nicht, sie waren beide noch nicht ein m al wahlberechtigt, was bedeutete schon ein
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