Wanderungen durch die Mark Brandenburg
man über den Breusch-Fluß und nahm hier,
angesichts des gelagerten Feindes, eine Stellung.
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Bournonville befehligte den rechten, der Kurfürst den
linken Flügel. Der Feind war nicht stark, und diessei-
tig erwartete man den Befehl zum Angriff. Ja mehr,
man drang darauf. Aber Bournonville suchte Aus-
flüchte und hob insonderheit hervor, daß ein breiter
und tiefer Graben vor der Front des Feindes läge.
Der Kurfürst ließ nun Brücken über den Graben
schlagen und leitete seinerseits das Gefecht durch
ein paar Stückkugeln ein, ohne jedoch den Oberfeld-
herrn durch ein solches Vorgehen umstimmen zu
können. Es wurde vielmehr ein Kriegsrat einberufen,
der erst die Frage: »Angriff oder nicht«, entscheiden
sollte. Derfflinger war zugegen und nahm das Wort.
»Er habe den Feind zweimal rekognosziert, und eine
bessere Gelegenheit, ihn anzugreifen, sei nicht
denkbar.« Aber Bournonville beharrte bei seiner ent-
gegengesetzten Ansicht. Im Zorn erhob sich jetzt der
Alte und erklärte, dem Kriegsrat nicht länger bei-
wohnen zu wollen. Unter ähnlichen Streitigkeiten
vergingen Wochen und Monate, bis endlich, am
4. Januar 1675, der Kurfürst aufbrach, um in Fran-
ken die Winterquartiere zu beziehen.
Hier lag er noch in Nähe von Schweinfurt, als ihm in
der letzten Maiwoche die Nachricht kam, daß die
Schweden, als Verbündete Frankreichs, in die Kur-
mark eingebrochen seien und schlimmer als in den
Zeiten des Dreißigjährigen Krieges darin hausten.
Sofort brach der Kurfürst auf, um seinem bedrängten
Lande zu Hülfe zu eilen. Mit ihm Derfflinger, der am
14. Juni vor Rathenow erschien und am 15. die vom
Obersten Wangelin verteidigte Stadt im Sturme
nahm. Unverzüglich ging es weiter, quer durch das
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Luch auf Kremmen und Linum und zuletzt auf Fehr-
bellin zu. Die sich nun entspannende Schlacht, in der
sich namentlich auch Derfflinger durch Scharfblick
und Selbständigkeit des Urteils auszeichnete, geb ich
nach den Aufzeichnungen, die der kurfürstliche
Kammerjunker Dietrich Sigismund von Buch in sei-
nem Tagebuche darüber gemacht hat.
»... Seine Kurfürstliche Durchlaucht sagten mir
am 17., ich solle ihn in der Schlacht nicht verlassen,
sondern immer bei seiner Person bleiben, und ich
füge hinzu, daß dies Vertrauen, welches er mir zeig-
te, mich mehr verpflichtete, als hätte er mir
1000 Taler geschenkt. Er sagte auch, ich solle auf-
merksam sein, wenn jemand in der Hitze des Kamp-
fes sich an ihn schliche, so daß sich niemand nähern
könne, ohne daß ich acht darauf hätte. Ich antworte-
te ihm, daß ich alles tun würde, was ein anständiger
Mann tun könne. Da sagte Seine Kurfürstliche Durch-
laucht: ›Ja, ich weiß es, daß Ihr es tut, und Ihr habt
es bis jetzt immer getan.‹
Nachdem wir noch eine gute Stunde marschiert wa-
ren, ließ uns Generalmajor Lüdecke – der an diesem
Tage die Avantgarde führte – sagen, daß der Feind
zum größten Teil den Paß überschritten habe. Andere
hielten noch in der geschlossenen Stadt; er bäte
Seine Kurfürstliche Durchlaucht, ihm Dragoner zu
senden...« (Dies geschah. Generalmajor Lüdecke
warf den Feind aus der Stadt hinaus und empfing
von dem nachrückenden Kurfürsten Befehl, statt
bloßer weiterer Verfolgung eine Tournierung und
Überholung zu versuchen, um so die Flüchtigen zwi-
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schen zwei Feuer nehmen zu können. Dieses in Er-
wägung der Terrainbeschaffenheit sehr schwierige Manöver führte Generalmajor Lüdecke auch aus,
ohne jedoch den vorgedachten Zweck zu erreichen.
Das Tagebuch erwähnt dieses Scheiterns in aller
Kürze. Und zwar wie folgt:)
»Anderen Tages, am 18., brachen wir von dem
Städtchen Kremmen her auf. Unterwegs stießen wir
auf den uns entgegenkommenden Generalmajor Lü-
decke, der den sich eilig zurückziehenden Feind nicht
mehr zu überflügeln vermocht hatte. Jetzt bat der
Prinz von Homburg um die Avantgarde, und nach-
dem er sie erhalten, folgte derselbige dem Feinde in
gutem Trabe. Unterdessen beriet sich Seine Kurfürst-
liche Durchlaucht mit Herrn Derfflinger, was unter
diesen Umständen zu tun sei. Derfflinger war der
Meinung, alle Brücken und Dämme zu zerstören,
dadurch dem Feinde jeden Sukkurs, aber zugleich
auch jeden Rückzug abzuschneiden und ihn auf diese
Weise zu zwingen, in spätestens zwei Tagen um sein
Leben zu bitten.
Das war ein guter Plan; aber Seine Kurfürstliche
Durchlaucht meinte, da man so nah am Feinde
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