Wanderungen durch die Mark Brandenburg
eigenen pommerschen
Besitzungen angegriffen werden. Und in der Tat, am
9. November selbigen Jahres ward ihnen Wolgast
entrissen, damals der »Schlüssel zu Stettin«. Der
schwedische Feldmarschall Mardefeld versuchte zwar
eine Wiedereroberung und drang auch, da der Frost
alle Gräben mit Eis bedeckt hatte, mit stürmender
Hand bis an die Festungswälle vor, als er jedoch zur
Wiederholung des Sturmes schritt, erschien Derfflin-
ger und entsetzte die Stadt.
So blieb Wolgast unser.
1138
Freilich, Anklam, Demmin und Stettin, dazu Rügen,
Stralsund und Greifswald waren nach wie vor in
Händen des Feindes, und es bedurfte noch einer bei-
nah dreijährigen Kriegführung, ihnen auch diese
Punkte zu entreißen.
Besonders bemerkenswert war die Eroberung von
Rügen und Stralsund. Dabei wirkte die holländische
Flotte mit. Auf einer Flotte von 210 Schiffen und
140 Booten – so schreibt Pauli – befand sich die kur-
fürstliche Macht. Den Oberbefehl führte Derfflinger.
Der holländische Seeheld Tromp befand sich eben-
falls an Bord. Drüben auf Rügen befehligte Graf Kö-
nigsmarck die feindlichen Streitkräfte. Am
13. September setzten sich die diesseitigen Boote
auf die Insel zu in Bewegung. Königsmarck ließ sie
mit acht Kanonen angreifen, aber sie landeten, und
ihre Mannschaften erstiegen das Ufer. Zuletzt war
auch Reiterei drüben. Derfflinger setzte sich an die
Spitze derselben, nahm den Schweden eine Standar-
te und 200 Gefangene ab und vertrieb den Rest von
der Insel. An diese Wegnahme Rügens schloß sich
die von Stralsund. Ende September erfolgte die Zer-
nierung, und am 10. Oktober eröffnete der berühmte
Artillerieoberst Ernst Weiler das Bombardement. Und
zwar aus achtzig Halbkartaunen, zweiundzwanzig
Mörsern und fünfzig Haubitzen. Schon mit anbre-
chendem Morgen stand die Stadt in Flammen, und
man sah alsbald drei weiße Fahnen auf Mauern und
Türmen. Derfflinger ritt mit einem Trompeter heran,
um die Meinung der Stadt zu hören, aber man wollte
von Kapitulation nichts wissen, und so begann um
neun Uhr die Beschießung von neuem. Und nun er-
1139
schienen Abgesandte der Stadt. Die Verhandlungen
wurden eingeleitet, und am 20. hielt der Kurfürst
seinen sieghaften Einzug.
1. Eine kurze Kriegführung, die durch den Frie-
den zu Vossem 1673 beigelegt wurde, hab ich
in vorstehendem unerwähnt gelassen.
2. Das Tagebuch, wie sehr oft, gibt auch hier
nur Buchstaben statt des Namens. Wahr-
scheinlich soll es heißen: General d'Espence.
Dieser war Oberstallmeister und Kommandeur
der hier mit einer Eskadron engagierten Tra-
bantengarde. In dieser Doppelstellung mocht
er glauben, dem alten Feldmarschall gegen-
über eine freiere Sprache führen zu dürfen.
Diesem pommerschen Kriege, der von 1675 bis 1678
gedauert hatte, folgte wenige Monate später der so
berühmt gewordene Feldzug in Ostpreußen. General
Horn war von Livland aus über den Njemen gegan-
gen und bedrohte Königsberg, und wie der Kurfürst
im Mai 1675 in fliegender Eile von Schweinfurt auf-
gebrochen war, um die Schweden aus der Kurmark
zu jagen, so brach er jetzt im Januar 1679 von Berlin
her auf, um denselben Feind aus Ostpreußen hinaus-
zuwerfen. »Der Schrecken ging vor ihm her, und der
Sieg war sein Begleiter.« Die Schweden retirierten,
und Derfflinger, ihnen den Rückzug abzuschneiden,
1140
ging in Schlitten über das Kurische Haff. Aber es ge-
lang nur, ihren Nachtrab einzuholen. Daß sie nichts-
destoweniger beinah völlig vernichtet wurden, war
den Strapazen und der Kälte zuzuschreiben. Ausführ-
licher über diesen Feldzug hab ich weiterhin in dem
Kapitel »Tamsel« berichtet.
Endlich war wieder Frieden, und eine Reihe stiller
Jahre begann, bis abermalige Zerwürfnisse mit
Frankreich auch abermals an den Rhein und im Laufe
des Feldzuges zur Belagerung von Bonn führten. Das
war 1689. »Dieser Tage«, so heißt es in dem Belage-
rungsjournal, »ist der alte Feldmarschall Derfflinger
angekommen«, und andern Aufzeichnungen ent-
nehmen wir, »daß nach Ankunft des Feldmarschalls
dann und wann eine Kriegskonferenz gehalten wur-
de«. Bald darauf ergab sich die Stadt. Am
10. Oktober.
Dies alles war wie der Nachklang eines kriegerischen
Lebens, und der nun dreiundachtzigjährige Derfflin-
ger zog sich, »des Treibens müde«, in sein ihm im-
mer lieber gewordenes Gusow zurück. Er lebte hier
ganz seinen nächsten Interessen, vor allem aber
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