Weit Gegangen: Roman (German Edition)
zunehmend mit Abscheu, ich fand es widerlich, wie viele sie waren, wie bedürftig, heruntergekommen, glotzäugig und jämmerlich.
Eines Tages bewarf eine Gruppe von Jungen eine Gruppe von Neuankömmlingen mit Steinen. Die Steinewerfer wurden gehörig verprügelt, und es kam nie wieder vor, aber in Gedanken warf auch ich Steine. Ich bewarf die Frauen und Kinder mit Steinen und hätte am liebsten auch die Soldaten mit Steinen beworfen, doch ich warf keinen einzigen Stein.
Als Ordnung ins Camp kam, wurde das Leben besser. Wir wurden organisiert, aufgeteilt, es wurden Gruppen gebildet: Gruppe eins, Gruppe zwei, Gruppe drei. Sechzehn Jungengruppen, jede mit über eintausend Jungen. Und innerhalb der Gruppen gab es Hundertergruppen und darin wiederum Fünfzigergruppen und darin wieder Zwölfergruppen.
Ich bekam die Leitung einer Zwölfergruppe, elf Jungen und ich. Wir waren zwölf, und ich nannte sie die Elf. Achor Achor war mein Stellvertreter, und wir lebten alle zusammen, aßen zusammen und teilten bestimmte Aufgaben unter uns auf – Essen holen, Wasser, Salz, unsere Hütte ausbessern, unsere Moskitonetze. Man hatte uns zusammengetan, weil wir aus derselben Gegend stammten und ähnliche Dialekte sprachen, aber wir redeten uns ein, die Stars zu sein. Wir hielten unsere Gruppe für besser als alle anderen.
Nach Achor Achor kam Athorbei Chol Guet, freimütig und furchtlos. Er traute sich, jeden anzusprechen, und fand rasch Verbündete. Er kannte den Flüchtlingssprecher von Pinyudo, die UN-Mitarbeiter und die äthiopischen Händler. Gum Ater war grotesk hoch aufgeschossen und bedenklich dünn und ein entfernter Verwandter des stellvertretenden Leiters des Camps, Jurkuch Barach. Akok Anei und Akok Kwuanyin hatten beide eine helle kupferfarbene Haut und waren bei vielen Jungen gefürchtet, weil sie älter und wilder waren als wir Übrigen. Garang Bol konnte ausgezeichnet Fische fangen und war sehr geschickt darin, essbare Früchte und Pflanzen aufzuspüren. Er hatte einen namenlosen Jungen ersetzt, der nur wenige Tage zu den Elf gehörte, ein Junge, der aus einer Pfütze getrunken hatte, um seinen Durst zu stillen, und kurz danach an Ruhr gestorben war. Wie viel zu viele andere, Julian.
Aber da war auch Isaac Aher Arol! Er war der Einzige der Elf, der einen ebenso weiten Weg hinter sich hatte wie ich. Die Jungen, die nach Äthiopien kamen, waren aus dem gesamten Südsudan hergewandert, doch die Mehrheit kam aus einem Ort namens Bur, nahe der äthiopischen Grenze. Ich war Monate unterwegs gewesen, während die meisten Jungen bloß einige Tage marschiert waren. Isaac Aher Arol also kam wie ich aus Bahr al-Ghazal, und er nannte mich Weit Gegangen, und ich nannte ihn Weit Gegangen, und alle anderen nannten uns Weit Gegangen. Noch heute, wenn ich gewisse Jungen aus Pinyudo treffe, sprechen sie mich mit diesem Namen an.
Aber ich habe noch viele andere Namen, Julian. Wer mich in Marial Bai kannte, nannte mich Achak oder Marialdit. In Pinyudo war ich oft Weit Gegangen, und später in Kakuma hieß ich Valentino und manchmal auch wieder Achak. Hier in Amerika war ich drei Jahre lang Dominic Arou, bis ich letztes Jahr meinen Namen offiziell und nach langwierigen Bemühungen in eine Kombination aus meinem ursprünglichen und meinem später angenommenen Namen änderte: Valentino Achak Deng. Für meine amerikanischen Bekannten ist das verwirrend, nicht jedoch für die Jungen, die mit mir marschiert sind. Jeder von uns hat ein halbes Dutzend Identitäten: Wir haben Spitznamen, wir haben Taufnamen und die Namen, die wir uns angeeignet haben, um in Kakuma zu überleben oder um es zu verlassen. Aus vielen Gründen, die Flüchtlingen bestens bekannt sind, war es erforderlich, viele Namen zu haben.
In Pinyudo vermisste ich meine Familie, ich wollte nach Hause, aber man machte uns unmissverständlich klar, dass es im Südsudan nichts mehr gab und eine Rückkehr den sicheren Tod bedeutet hätte. Die Bilder, mit denen man uns unsere Heimat vor Augen führte, waren krass, die Zerstörung schien vollkommen. Es war, als seien wir die einzigen Überlebenden, als müsse ein neuer Sudan einzig und allein durch uns erschaffen werden, wenn wir irgendwann in ein kahles Land zurückkehren würden, das zum Neubeginn bereit war. Wir richteten uns in Pinyudo ein und fanden einen Weg, dankbar zu sein für das, was wir dort hatten: ein gewisses Maß an Sicherheit, an Stabilität. Wir hatten alles, was wir uns herbeigesehnt hatten: regelmäßige
Weitere Kostenlose Bücher