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Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Titel: Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ian Morris
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Eroberungen die Probleme Japans nicht gelöst hatten, da der Krieg die Ressourcen noch schneller verschlang, als sich neue erbeuten ließen. Von fünf Litern Treibstoff, die ein Kriegsschiff oder Bomber verbrauchte, mussten vier vom Westen gekauft werden. Der Plan der Armee, mit den Eroberungen fortzufahren, brachte keine Besserung, und als die Lage in China immer verfahrener wurde, gewann ein noch alarmierenderer Plan an Boden: nach Südostasien vorzustoßen und die dortigen Ressourcen Öl und Kautschuk aus den Händen der westlichen Imperialisten zu befreien, selbst wenn das Krieg mit Amerika bedeutete.
    Am alarmierendsten war der Plan, der in Deutschland heranreifte. Niederlage, Arbeitslosigkeit und finanzieller Zusammenbruch hatten bei den Erben von Goethe und Kant so tiefe Wunden gerissen, dass sie bereit waren, selbst einem Verrückten ihr Ohr zu leihen, der alle Schuld den Juden gab und mit dem Allheilmittel der Eroberung hausieren ging. »Die erste Ursache des Gleichbleibens unserer Währung ist das KZ«, versicherte Adolf Hitler seinem Finanzminister, als er jüdische Geschäftsleute brutal verfolgen und verbannen und Gewerkschafter ins Gefängnis werfen ließ. 47 Hitlers Wahnsinn hatte Methode: Defizitfinanzierung, staatliche Lenkungseingriffe und die Wiederaufrüstung beseitigten in den 1930er Jahren die Arbeitslosigkeit und verdoppelten die Industrieproduktion.
    Hitler posaunte seinen Plan, die Westflanke Deutschlands durch die Besiegung der Seereiche zu sichern und dann die osteuropäischen Slawen und Juden durch arische Bauern zu ersetzen, offen heraus. Weit mehr als bloß illiberal, war seine Vision eines um Deutschland zentrierten subkontinentalen Reiches unumwunden völkermörderisch, doch nur wenige Menschen im Westen konnten glauben, dass er es ernst meinte. Ihr Selbstbetrug beschwor herauf, was die meisten vermeiden wollten: einen weiteren umfassenden Krieg. Einige wenige dunkle Monate lang sah es – zum ersten Mal seit 1812 – so aus, als würde es ein Kontinentalreich doch noch schaffen, Europa zu vereinigen, aber wie in einem unheimlichen Echo auf Napoleon wurde Hitler am Ärmelkanal, im Schnee Moskaus und in der Wüste Ägyptens zurückgeschlagen. Mit dem Versuch, Japans Ostkrieg in seinen eigenen Westkrieg einzubeziehen, überdehnte er die deutschen Kräfte und zog, statt Großbritannien aus dem Feld zu schlagen, nur die Vereinigten Staaten mit ins Spiel. Der Krieg machte das liberale amerikanische und das illiberale sowjetische Reich zu Bettgenossen, und trotz der Ausplünderung von Bodenschätzen und Arbeitskräften in Europa und im Osten konnten Deutschland und Japan der kombinierten Finanzstärke, Arbeitskraft und Fabrikationsmacht dieser Reiche nicht standhalten.
    Im April 1945 reichten sich amerikanische und sowjetische Soldaten bei Torgau die Hände, umarmten sich, stießen auf den Sieg an und tanzten zusammen. Wenige Tage darauf erschoss sich Hitler, und Deutschland kapitulierte. Im August, |514| als Feuer vom Himmel regnete und Atombomben Hiroshima und Nagasaki in Schutt und Asche legten, brach Japans Gottkaiser mit allen Traditionen und sprach direkt zu seinem Volk. Mit einer Erklärung, die meine Stimme für die größte Untertreibung der Geschichte bekommt, informierte er seine Untertanen per Radioansprache: »Der Kriegsverlauf hat sich nicht unbedingt zu Japans Vorteil entwickelt.« 48 Selbst da noch versuchten unverbesserliche Generäle einen Putsch in der Hoffung auf eine Fortführung des Kampfes, doch am 1. September ergab sich auch Japan.
    Das Jahr 1945 beendete sowohl den Versuch Japans, den Krieg des Ostens zu gewinnen und die westlichen Imperialisten hinauszuwerfen, als auch das Bestreben Deutschlands, in Europa ein subkontinentales Reich zu schaffen, doch setzte es überdies den westeuropäischen Seemächten ein Ende. Zu ausgelaugt durch den totalen Krieg, um noch nationalistischen Revolten oder antikolonialistischen Erhebungen zu widerstehen, schmolzen sie innerhalb einer Generation dahin. Europa war am Ende seiner Kräfte. Sein wirtschaftlicher, sozialer und politischer Zusammenbruch ließ sich bestenfalls mit dem Zusammenbruch des Römischen Reiches vergleichen.
    Die gesellschaftliche Entwicklung im Westen brach 1945 jedoch nicht zusammen, weil das Kerngebiet mittlerweile so ausgedehnt war, dass nicht einmal der größte je ausgefochtene Krieg es zur Gänze ruinieren konnte. Die Sowjets hatten ihre Industrie jenseits der Reichweite der Deutschen wiederaufgebaut, und

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