Werke von Fjodor Dostojewski (Illustrierte) (German Edition)
neben der Tür und machte den Eindruck, als ob er über etwas nachdenke. Im Zimmer herrschte Totenstille. Das fließende Talglicht erhellte trübselig unsere Wohnung.
Ich sah meinen Vater lange an; aber er rührte sich immer noch nicht vom Flecke; er saß, ohne sich zu bewegen, in derselben Haltung da: den Kopf auf die Brust gesenkt, die Hände krampfhaft gegen die Knie gestemmt. Ich setzte mehrere Male dazu an, ihn anzurufen; aber ich konnte es nicht. Meine Erstarrung dauerte an. Endlich kam er auf einmal zu sich, richtete den Kopf auf und erhob sich vom Stuhle. Er stand mehrere Minuten lang mitten im Zimmer da, wie wenn er irgendeinen Entschluß fassen wollte; dann trat er plötzlich an das Bett der Mutter heran, horchte, und nachdem er sich überzeugt hatte, daß sie schlief, ging er zu dem Koffer, in dem seine Geige lag.
Er öffnete den Koffer, nahm das schwarze Futteral heraus und stellte es auf den Tisch; dann blickte er von neuem rings um sich; sein Blick war trüb und unstet, so wie ich ihn noch nie bei ihm bemerkt hatte.
Er hatte schon die Geige ergriffen, legte sie aber sogleich wieder hin, ging zur Tür und schloß sie zu. Als er darauf den offenstehenden Schrank bemerkte, trat er leise zu ihm hin, erblickte das Glas und den Branntwein, goß sich ein und trank. Darauf griff er zum drittenmal nach der Geige, legte sie aber zum drittenmal wieder hin und trat an das Bett der Mutter heran. Von Angst wie gefesselt, wartete ich, was da kommen werde.
Er horchte sehr lange; dann schlug er auf einmal die Bettdecke von ihrem Gesichte zurück und begann, es mit der Hand zu betasten. Ich fuhr zusammen. Er beugte sich noch einmal herunter und legte seinen Kopf fast an ihren Körper; aber als er sich nun zum letztenmal aufrichtete, da schien ein Lächeln über sein schrecklich blaß gewordenes Gesicht hinzuhuschen. Leise und behutsam verhüllte er die Schlafende mit der Decke; er verhüllte auch ihren Kopf und ihre Füße ... und ich zitterte in unsäglicher Angst; ich ängstigte mich um die Mutter, ängstigte mich wegen ihres tiefen Schlafes und betrachtete mit starker Unruhe, die unbewegliche Linie, welche die Glieder ihres Körpers eckig auf der Decke abzeichneten ... Wie ein Blitz zuckte ein furchtbarer Gedanke durch meinen Kopf.
Nachdem er mit allen Vorbereitungen fertig war, ging der Vater von neuem an den Schrank und trank den Rest des Branntweins aus. Er zitterte am ganzen Leibe, als er nun an den Tisch trat. Sein Gesicht war gar nicht wiederzuerkennen, so blaß sah es aus. Nun griff er wieder nach der Geige. Ich hatte diese Geige schon gesehen und wußte, was es für ein Ding war; aber jetzt erwartete ich etwas Schreckliches, Furchtbares, Wunderbares ... und zuckte bei ihren ersten Tönen zusammen. Der Vater fing an zu spielen. Aber die Töne kamen abgebrochen heraus; er hielt alle Augenblicke inne, wie wenn er sich auf etwas besinnen wollte; schließlich legte er mit einem Gesichte voll Qual und Pein den Bogen nieder und blickte in eigentümlicher Weise nach dem Bette hin. Es schien ihn dort immer noch etwas zu beunruhigen. Er trat wieder zu dem Bette ... Es entging mir keine seiner Bewegungen, und ich verfolgte sie alle, obgleich ich vor Angst halb tot war.
Plötzlich begann er eilig, um sich herum allerlei zu suchen, und wieder durchzuckte mich blitzartig derselbe furchtbare Gedanke. Ich fragte mich unwillkürlich: warum schläft die Mutter so fest? Warum ist sie nicht aufgewacht, als er ihr Gesicht mit der Hand berührte? Endlich sah ich, daß er alles, was er von unsern Kleidern finden konnte, zusammenschleppte: er nahm die Pelerine der Mutter, seinen alten Rock, seinen Schlafrock, sogar mein Kleid, das ich hingeworfen hatte; mit all dem bedeckte er die Mutter vollständig, so daß sie ganz unter dem darübergeworfenen Haufen verborgen war; sie lag völlig regungslos da, ohne ein Glied zu rühren.
Sie schlief einen tiefen Schlaf!
Er schien freier zu atmen, als er mit dieser Arbeit fertig war. Nun war ihm nichts mehr hinderlich; aber immer noch beunruhigte ihn etwas. Er stellte das Licht an einen anderen Platz und stellte sich selbst mit dem Gesichte nach der Tür zu, damit er das Bett gar nicht sehen könne. Endlich ergriff er die Geige und setzte mit einer Miene der Verzweiflung den Bogen an ... die Musik begann.
Aber das war keine Musik ... Ich erinnere mich genau an alles bis zum letzten Augenblicke; ich erinnere mich an alles, was damals meine Aufmerksamkeit fesselte. Nein, das war keine Musik
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