Wintermaerchen
nur ihres Rechts, sondern auch ihrer Befähigung zur freien Rede. Wer hat schon Lust, sich mit Einweckgläsern zu unterhalten? Ich jedenfalls nicht!«
Das Publikum war begeistert. Wenn Praeger es irgendwie zu Wege gebracht hätte, mehrere Millionen Gläser heißen Grog austeilen zu lassen – die Menge hätte kaum dankbarer sein können.
»Schauen Sie sich all diese Menschen an!«, fuhr er fort. »Sie haben Beine. Sie haben Muskeln. Sie können atmen, und sie können abends ausgehen, selbst bei dieser Kälte. Ich wette, dass viele von ihnen jagen, Ski fahren, Holz hacken, weben, schnitzen und große Maschinen reparieren können. Gebt uns ein Buch, mit dem wir uns abends an den Kamin setzen können, nicht diese flimmernde, viereckige Teufelskiste, die plärrend und kreischend in jeder Wohnstube hockt.«
»Das ist doch vorsintflutlich!«, erklärte der Hermelinbürgermeister.
»Ich stehe dazu«, antwortete Praeger.
Als Nächstes warf der Diskussionsleiter die Frage auf, ob die Berufsfachschule für Müllmänner auf Randall’s Island geschlossen werden sollte, weil die Durchfallquote jüngerer Anwärter im Lehrgang für Lärmerzeugung in letzter Zeit enorm gestiegen war.
»Darüber will ich mich nicht auslassen«, sagte Praeger, nachdem der Hermelinbürgermeister eine ausführliche Abhandlung über das korrekte Scheppern mit Mülltonnen zum Besten gegeben hatte. »Ich bin nur bereit, über wichtige Dinge zu reden – beispielsweise über gerechten Lohn für Schwer- und Facharbeiter, über die Beseitigung der Straßenkriminalität und über ein Fahrverbot für Kraftfahrzeuge in Manhattan. Ich möchte über große Dinge sprechen, über die Geschichte unserer Stadt und über ihre Zukunft, über größere und kleinere Tyranneien, die es zu beseitigen gilt, und über die Liebe, die ich für diese Stadt empfinde, in der ich geboren und aufgewachsen bin. Was kümmern mich Mülltonnen? Mein Interesse gilt den Brücken, den Flüssen, dem Labyrinth der Straßen, und ich glaube, dass sie alle lebendig sind. Sehen Sie, manchmal würde ich das Rennen am liebsten aufgeben, die Stadt verlassen und mich zurückziehen. Hier ist das Leben hart, denn die Stadt ist für die meisten Menschen zu groß und unüberschaubar. Aber dann besinne ich mich, nehme von meinen eigenen Ambitionen Abstand und überschaue die Stadt als Ganzes. Dies ist für mich jedes Mal ungeheuer ermutigend, denn ich gewinne den Eindruck, als brenne die Stadt mit ihrem Feuer alle Dunstschwaden fort, die sie verdunkeln. Sie wirkt auf mich wie ein Tier, das am Flussufer hockt, oder wie eine Skulptur von unfassbaren Detailreichtum, über der sich ein mit hellen Lichtern und goldenen Sonnen erfülltes Planetarium wölbt. Wenn du hier geboren bist oder wenn du aus einem fernen Land hierhergekommen bist oder wenn du die Stadt aus einiger Entfernung betrachtest und siehst, wie sie sich über die Felder und Forsten erhebt, dann weißt du Bescheid. Ob reich oder arm – du weißt, dass das Herz dieser Stadt zu pochen begann, als die erste Axt mit dumpfem Schlag auf den ersten zu fällenden Baum prallte. Seit jener Zeit hat dieses Herz nicht aufgehört zu schlagen, denn die Stadt ist so viel mehr als bloß die Summe aller Ausdünstungen, Lichter und Steine, aus denen sie sich zusammensetzt.« In Praegers Stimme lag jetzt so viel Gefühl, dass sich sogar sein Gegner dem Rhythmus seiner Worte nicht mehr zu entziehen vermochte. »Diese Stadt ist nicht weniger Gegenstand göttlicher Liebe als das Leben selbst oder das lichtdurchflutete Universum in all seiner Präzision und Vollkommenheit. Sie lebt, und mit ein wenig Geduld kann jeder sehen, dass sie trotz ihrer Anarchie, Hässlichkeit und Feuersglut letztlich gerecht und gut ist. Mein Gott, wie ich sie liebe, wie sehr ich sie liebe! Vergebt mir!« Praegers Rede war zu Ende. Er senkte den Kopf und schlug die Hände vors Gesicht.
Der Bürgermeister wagte nicht, das Schweigen zu brechen, das sich in dieser grandiosen, kalten Nacht über die in den silbrigen Schein von Flutlichtern gebadete Menschenmenge gesenkt hatte. Mit offenem Mund stand er da und musste nun befürchten, dass sein Herausforderer, der alle Anzeichen einer tiefen Gemütsbewegung erkennen ließ, den Sieg davontragen würde. Dieser Mann hatte die Seele der Stadt erblickt und war von einer überwältigenden Liebe zu ihr ergriffen worden. Und nicht nur die Bürger der Stadt waren gefesselt und verzaubert – nein, als Praeger aufschaute, gab die Stadt selbst ihm
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