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Wintermaerchen

Wintermaerchen

Titel: Wintermaerchen Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Mark Helprin
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auch bei Perlen.
    Die Tür des Restaurants ging auf, ließ ein wenig glasigen Schnee hinein und schloss sich wieder. Zuerst dachte Peter Lake, der Wind habe dies bewerkstelligt, doch als er genauer hinschaute, sah er zwei kleine Männer, die auf einen Tisch am entgegengesetzten Ende des Raumes zusteuerten. Beide waren sie höchstens fünf Fuß groß, jeder hatte eine Melone auf dem Kopf, und sie trugen Jacketts, denen man ansah, dass ihnen die Schwalbenschwänze abgeschnitten worden waren. Ihre Augen lagen tief in den Höhlen, die ledrige Haut spannte sich über ihren Backenknochen, und ihre Münder mit den vorstehenden Zähnen wären für Männer doppelter Größe breit genug gewesen. Die Hände der neuen Gäste glichen kleinen, fetten Fleischbällen und hatten die flachen Daumen von Kindern, wirkten jedoch zugleich zart und seltsam wie die Pfoten eines Baumfroschs. Ihre Stimmen passten insofern zu ihrer Gesamterscheinung, als sie dem leisen, flehenden Zirpen von Männern glichen, die mit weiblichen Holzfällern oder Gefängniswärterinnen verheiratet sind.
    Obwohl Peter keine Antipathie, Sympathie oder besondere Neugier empfand, vermochte er dennoch nicht die Augen von den beiden abzuwenden. Sie unterhielten sich nicht, nein, sie tuschelten wie Verschwörer miteinander. Obwohl sie allem Anschein nach wilden Hass füreinander empfanden, standen sie sich offenbar nahe. Im Handumdrehen waren sie in einen heftigen Streit verwickelt, und je mehr sie sich erhitzten, desto eifriger hüpften sie auf ihren Stühlen herum, und desto hektischer und lauter wurden ihre seltsamen Stimmchen.
    Ein Kellner kam und servierte Peter Lakes Essen. Mit einer Kopfbewegung wies er auf die keifenden Gnome und drehte die Augen himmelwärts, als wollte er sagen: La Madonna! (Alle Kellner der French Mill waren natürlich Italiener aus der Brenta.)
    Peter Lake begann zu essen. So gut es ging, versuchte er die beiden kleinen Männer zu ignorieren. Aber er kam nicht umhin, ein paar besonders laute Worte aufzuschnappen. Gern hätte er sein Steak in Ruhe und mit Genuss verspeist, doch plötzlich blieb ihm ein Bissen fast im Hals stecken.
    Das Gespräch der beiden hatte ungefähr so geklungen: »Tuscheltuscheltuscheltuscheltuscheltuschel … der weiße Hund aus Afghanistan … tuscheltuscheltuscheltuschel …«
    Der weiße Hund aus Afghanistan – wie ein Angelhaken krallten sich diese Worte in Peter Lake.
    Eilig verließ er das Lokal und ging schnellen Schrittes quer durch Chelsea in Richtung Stadtmitte. Der weiße Hund aus Afghanistan – er wusste nicht, was diese Worte bedeuten mochten, fühlte sich aber stark von ihnen bewegt und fürchtete, sie könnten sein neu gewonnenes inneres Gleichgewicht zerstören. »Verdammter Mist!«, schimpfte er. Seine Beine schienen sich selbstständig gemacht zu haben. Er wusste nicht, warum er so durch die Gegend lief, aber er spürte, dass alles in die Brüche gehen würde, falls er jetzt in sein Zimmer zurückkehrte.
    »Ticke nur, liebe Uhr! Ticke nur, liebe Uhr!«, sang er vor sich hin wie in den Zeiten geistiger Verwirrung. Und als er sich den hell erleuchteten, geschäftigen Einkaufsstraßen näherte, musste er feststellen, dass die Menschen trotz seines gepflegten Aussehens und seiner feinen Kleidung wie früher einen weiten Bogen um ihn machten.
    »Nein!«, schrie er und verschaffte sich damit, ohne es zu wollen, den Luxus, dass die Menschen vor ihm beiseitetraten und eine Gasse bildeten. »Hört auf! Hört auf! Hört auf!« Und dann, ganz leise: »Hört auf!« Er zügelte seine ungestümen Schritte und sagte zu sich selbst: »Ich werde einen Hund kaufen, einen weißen Hund, und ich werde ihn mit nach Hause nehmen. Er wird mir gute Gesellschaft leisten. Ich habe Hunde immer gemocht. Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, ob das stimmt, aber ich kaufe trotzdem einen, einen weißen Hund, einen weißen Hund aus Afghanistan. Es muss sein. Bestimmt sehne ich mich nach einem Hund.« Er räusperte sich. »Arrr! Das ist es! Ein Hund, ein weißer Hund!« Schon steuerte er auf die Gegend zu, wo sich die großen Kaufhäuser befanden.
    Wohin der Blick fiel – überall konnte man alles kaufen, weil es alles gab. Kaufhäuser mit einer Grundfläche von einer halben Quadratmeile und hundert Stockwerke hoch waren an den Avenuen aufgereiht wie Dominosteine. In der Stadt der Armen sah man diese Tempel des Materialismus über den fernen Fluss hinweg. Ihre Leuchtreklamen blinkten nachts wie Signale, und tagsüber blitzten die

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