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Wintermaerchen

Wintermaerchen

Titel: Wintermaerchen Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Mark Helprin
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Folge.
    »Fallschirmspringer!«, sagte Hardesty. »Wie viele es sind! Vielleicht geht das schon die ganze Nacht so. Wer weiß, wann das aufhört. Garantiert ist es nicht die 82. Luftlandedivision!«
    Sie blickten hinab in die Ebene, und als sich ihre Augen an die veränderten Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, sahen sie, dass das flache Land ohne ein erkennbares Muster von kleinen dunklen Punkten gesprenkelt war. Einzeln und in dunklen Formationen strebten diese grauen Gestalten durch den Schnee, um sich auf der Straße zu sammeln. Dort bildeten sie unordentliche Kolonnen, die sich meilenweit erstreckten. Die Söldner der Nacht bewegten sich leise und zielstrebig, sie brauchten keine Signale und Lampen.
    Ganz in ihrer Nähe vernahmen Hardesty und Virginia ein dumpfes Geräusch. Sie sahen, wie sich eine zusammengekauerte Gestalt aufrichtete und flink wie eine Ratte den kleinen Hügel hinablief. Es handelte sich um einen Mann, der im Laufen mit beiden Händen seine Kopfbedeckung festhielt, damit er sie in dem leichten Wind am Hang des Hügels nicht verlor.
    »Können wir ihnen ausweichen?«, fragte Virginia.
    »Nein, das Pferd würde bis zur Brust im Schnee versinken. Es könnte unmöglich den Schlitten ziehen.«
    »Gibt es eine andere Straße?«
    »Du weißt besser als ich, dass es keine gibt«, antwortete Hardesty. »Entsichert eure Gewehre!« Er griff nach seiner eigenen Flinte. »Und stützt euch mit den Füßen ab. Mrs Gamely?«
    »Ja, mein Lieber?«, ertönte die Stimme der alten Frau aus dem zeltartigen Baldachin in Fond des Schlittens.
    »Wie schnell können Sie das Ding nachladen?«
    »Schnell genug, um ein Kuchenblech in der Luft zu halten. Bevor Virginia geboren wurde, mussten mein Mann Theodore und ich dann und wann nach Bucklenburg hinauf ins Bergland fahren. Dort waren die Wölfe so groß wie Ponys und so blutgierig wie Stechmücken. Seitdem kann ich mit der Flinte umgehen.«
    »Schlafen Abby und Martin?«, erkundigte sich Virginia.
    »Ja, ich habe sie sozusagen hinter meinem Rücken verstaut«, antwortete Mrs Gamely.
    »In Ordnung«, sagte Hardesty. »Dann wollen wir mal sehen, ob wir es bis zum Wald schaffen.«
    Er zog kräftig an den Zügeln, und die Stute begann, mit wachsender Geschwindigkeit den Hügel hinabzupreschen. Ihr Hufschlag wurde vom Schnee gedämpft. Die Glöckchen hatte Hardesty entfernt.
    Bald darauf, als sie mit zischenden Kufen die glatte Straße entlangsausten, passierten sie ein paar Nachzügler, denen kaum Zeit blieb, beiseitezuspringen. Aber wenig später fuhr der Schlitten in Formationen von zehn oder fünfzehn Männern hinein, die wie Postsäcke beim Entladen eines Zuges zu beiden Seiten der Straße gegen die Mauern aus Schnee geschleudert wurden. Pistolenschüsse wurden abgefeuert, die die weiter vorn Marschierenden warnten. Immer häufiger prallte das Pferd auf Gestalten, die sich ihm entgegenzustellen versuchten, und zwangsläufig verlangsamte sich das Tempo. Vor ihnen und auf den Seiten blitzte Mündungsfeuer auf. Die Kinder erwachten und begannen zu schreien. Schon hingen Dutzende der marschierenden Söldner hinten am Schlitten und schickten sich an, hinaufzuklettern.
    Hardesty, Virginia und Mrs Gamely eröffneten nun ihrerseits das Feuer mit ihren Schrotflinten. Der ohrenbetäubende Lärm wurde durch die Schreie der Männer auf der Straße verstärkt. Allein die schiere Masse der Marschierenden hätte wahrscheinlich ausgereicht, um den Schlitten zum Anhalten zu zwingen. Die Stute lief nur noch im Trab. Sie war verwundet. Mit geblähten Nüstern bleckte sie das Gebiss. Sie war kein Schlachtross wie Athansor, und als sie sah, dass sie blutete, schrie sie nach ihm. Da sie an den Schlitten geschirrt war, konnte sie nur mit der Vorderhand auskeilen und traf nur, was sich unmittelbar vor ihr befand. So manchen Angreifer schlug sie auf diese Weise zu Boden und zog die messerscharfen Kufen des Schlittens über die Gliedmaßen und Leiber der Gefallenen hinweg. Aber da waren so viele, dass sie irgendwann nicht weiterkam und stehen blieb.
    Obwohl sie ihre Gewehre sehr schnell nachluden, waren Hardesty, Virginia und Mrs Gamely nicht schnell genug. »Schießt weiter!«, rief Hardesty, während allmählich immer neue Wellen gedrungener, hartnäckiger Angreifer über ihnen zusammenschlugen. Die Kerle grunzten und stöhnten, aber sie hielten sich mit ihren fleischigen, kurzfingrigen Händen am Schlitten fest. Doch auch die Marrattas kämpften umso verbissener, je näher sie sich dem

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