Wintermaerchen
schmalen Fassaden im Sonnenschein wie aufgepflanzte Bajonette. Niemand in der Stadt der Armen wusste, was es mit diesen Gebäuden auf sich hatte.
Peter Lake fand eine Tierhandlung und fragte nach einem weißen Hund.
»Darf es vielleicht ein hübscher Shar Mein sein?«, erkundigte sich der Verkäufer.
»Danke, ich habe schon gegessen«, antwortete Peter.
»Ein Shar Mein ist ein sehr feiner weißer Hund, Sir.«
»Wirklich? Dann wollen wir uns ihn mal anschauen!«
Der Verkäufer verschwand und kehrte mit einem Hund unter dem Arm zurück.
»Um Gottes willen!«, sagte Peter mit einem Blick auf das Hündchen. »Ich will doch keinen Mops! Wo sind überhaupt seine Augen? Der ist etwas für eine alte Dame, die nicht weiß, was ein Hund ist. Bringen Sie mir ja keinen, der nicht über einen Sägebock springen kann!«
»Wie wär’s dann mit Ariadne?«, sagte der Verkäufer und zeigte auf eine schöne, schneeweiße Bernhardinerin.
»Ja, das ist ein netter Hund«, antwortete Peter Lake. Er tätschelte ihren dicken Kopf. »Guter Hund, guter Hund«, sagte er.
»Es gibt keinen schöneren«, fügte der Verkäufer hinzu.
»Sie ist wirklich schön«, meinte Peter, »aber ich fürchte, sie ist nicht groß genug.«
»Nicht groß genug?«
»Nein. Ich suche einen … einen ziemlich großen weißen Hund«, antwortete Peter. »Gewissermaßen einen Hund im Heldenformat.«
»Dann müssen Sie wohl zu Ponmoy’s gehen«, riet ihm der Verkäufer. »Die sind dort auf große Hunde spezialisiert.«
Bis zu Ponmoy’s war es nicht weit. Dort gab es große Hunde, wohin man blickte. Sie zerrten an dicken Ketten aus rostfreiem Stahl, bellten wie tollwütige Köter in einer Vollmondnacht oder dösten zu Dutzenden mit hängenden Lefzen vor sich hin. Bedienstete warfen ihnen zwanzigpfündige Büffelsteaks vor oder trimmten ihr Fell mit Heckenscheren.
»Ich suche nach einem großen weißen Hund«, sagte Peter Lake zu Mr Ponmoy, der ihn persönlich bediente.
» Groß sagen Sie?«, fragte Ponmoy. »Wie wär’s mit dem hier?«
Er zeigte seinem Kunden einen fünf Fuß hohen Mastiff. Peter umrundete das Tier mehrere Male, dann schüttelte er den Kopf.
»Ehrlich gesagt, ich hatte einen noch größeren Hund im Sinn.«
»Noch größer? Dies ist der größte, den wir haben. Er wiegt zweihundertfünfzig Pfund! Einen größeren werden Sie nirgends auftreiben.«
»Meinen Sie? Irgendwie verspüre ich den Wunsch nach einem wirklich großen weißen Hund.«
»Was Sie suchen, ist kein Hund«, sagte Ponmoy. »Sie suchen ein Pferd!«
Peter blieb wie angewurzelt stehen. »Ja!«, sagte er, über die Maßen erfreut, glücklich und zufrieden. »Zu Hause hätte ich zwar für ein Pferd keinen Platz, aber es gibt in der Nähe einen Stall, und reiten könnte ich im Park. Ein Pferd …«
*
Hatte das Bücherregal in Peter Lakes Zimmer bisher nur zur Aufbewahrung von sorgfältig bearbeiteten Werkstücken oder Maschinenteilen gedient, mit denen er sich näher befassen wollte, so füllte es sich nun rasch mit einem runden Hundert Pferdebücher. Natürlich befanden sich darunter Standardwerke wie Care and Feeding of the Horse von Robert S. Kahn, Equine Anatomy von Burchfield und Turners Dressage . Aber Peter hatte die Buchläden fast ebenso sorgfältig durchgekämmt wie all die vielen Gräber bei seinem »Rundflug« und neben einer ansehnlichen Kollektion zweit- und drittklassiger Sachbücher auch ein Prunkstück von vierzig Pfund Gewicht aus Velinpapier mit Seideneinband und Goldprägung erworben. Es hatte ihn einen ganzen Wochenlohn gekostet und hieß Bilder von großen weißen Pferden.
Bis spät in die Nacht hinein saß Peter nun an vielen Abenden über diesem Buch. Aufs Höchste gespannt und konzentriert, betrachtete er Seite um Seite, stets darum bemüht, herauszufinden, ob ihn mit einem der dargestellten Tiere etwas Besonderes verband und warum es ihn so drängte, diese Bilder so genau zu inspizieren. Stundenlang starrte er weiße Schönheiten aus der Camargue an, die auf der Hinterhand standen, oder englische Paradepferde in Scharlach und Silber. Dies verschaffte ihm eine rätselhafte Befriedigung. Peter Lakes Nachbarn waren weniger zufrieden. Verständlicherweise, denn manchmal erwachten sie mitten in der Nacht, wenn dieser sonst so respektierliche Gentleman wiehernd in seiner winzigen Behausung herumgaloppierte. Nicht, dass er sich für ein Pferd hielt; nein, er versuchte lediglich zu verstehen, warum er sich so machtvoll zu Pferden hingezogen fühlte.
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