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Wir sind die Nacht

Wir sind die Nacht

Titel: Wir sind die Nacht Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Hohlbein Wolfgang
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stand noch immer unter Schock. Nicht so sehr, weil Charlotte den Russen getötet hatte, als vielmehr wegen der Art, auf die sie es getan hatte. Sie hatte weder gekämpft noch getötet wie ein Mensch, nicht einmal wie ein Tier, sondern so unvorstellbar kalt, schnell und präzise wie eine Maschine. Vielleicht wie etwas weit Schlimmeres.
    »Wer war der Kerl?«, fragte sie, als die Kabine - quälend langsam, wie es ihr vorkam - nach unten glitt.
    Louise schien angestrengt nachzudenken. »Ich bin mir da nicht sicher«, sagte sie. »Aber ich glaube, er gehört zu Stepans Männern.«
    »Tut er«, sagte Nora. »Ich hab die schon mal zusammen gesehen.« Sie knabberte an ihren Fingernägeln, die vom Wasser weich geworden waren, und betrachtete Lena dabei beiläufig.
    Es sollte wohl nur so beiläufig aussehen . In Wahrheit war ihr Blick ebenso aufmerksam wie forschend. Lena kam sich wie seziert vor und fühlte sich, als wäre sie noch genauso nackt wie gerade in der Umkleidekabine.
    »Aber ich dachte, dieser Stepan …«

    »… lässt uns in Ruhe, nachdem alles zwischen uns geklärt ist?« Louise schnaubte. Ihre Augen funkelten angriffslustig. »Jedenfalls hat er mir das versprochen. Ich schätze, es ist an der Zeit, dass wir ihm einmal einen kleinen Höflichkeitsbesuch abstatten.«
    Lena lief ein Schauer über den Rücken. »Dieses Wort«, sagte sie. »Strigol … War das russisch?«
    »Strigoi«, verbesserte sie Louise und schüttelte den Kopf. »Es ist rumänisch, aber viele Russen benutzen es trotzdem. Es bedeutet Vampir.«
    »Das heißt, die Russen wissen, was wir sind?«, fragte Lena erschrocken.
    »Wie kommst du bloß darauf?«, spöttelte Nora, ohne dass sie damit aufhörte, sie mit Blicken auszuziehen. »Der Kerl hat mir eine Kugel aus einem Meter Entfernung ins Herz gejagt, und eine Minute später stehe ich putzmunter und ohne einen Kratzer vor ihm. Wie sollte er da wohl auf die Idee kommen, dass mit uns irgendwas nicht stimmt?«
    Lena wollte antworten, doch in diesem Moment hielt die Liftkabine an, die Tür glitt mit einem scharrenden Geräusch auseinander, und es war genau wie gerade oben im Schwimmbad: Sie spürte die Gefahr so intensiv und körperlich wie eine Hitzewelle, die ihr ins Gesicht schlug, nur dass dieses Mal kein Blutgeruch in der Luft lag. Aber dafür etwas anderes, Schlimmeres.
    Wie zuvor reagierten die anderen auch jetzt sehr viel schneller als sie: Louise versetzte ihr einen Stoß, der sie gegen die Rückwand der Kabine taumeln ließ, war mit einem einzigen Satz zusammen mit Charlotte draußen, und noch bevor Lena zu Atem kommen konnte, schob Nora sie vor sich her aus dem Lift und nahm geduckt hinter ihr Aufstellung, um ihren Rücken zu decken. Und natürlich dauerte das alles weniger als eine halbe Sekunde.

    Das Parkdeck hatte sich radikal verändert. Grelles Neonlicht brannte, und Marcus’ rostiger Golf sowie Louises Jaguar und Lenas Ferrari waren von einem halben Dutzend Wagen umstellt, deren Scheinwerfer voll aufgeblendet waren. Lena wollte die Hand heben, um die Augen vor dem grellen Licht zu schützen, aber das erwies sich als unnötig: Ihre Pupillen verdunkelten sich ganz von selbst, so dass sie schon nach einem Sekundenbruchteil wieder ganz normal sehen konnte.
    Nicht dass ihr gefiel, was sie sah.
    Nicht nur ein halbes Dutzend Wagen hatte sie umzingelt, sondern auch ein gutes Dutzend Männer, die sich große Mühe zu geben schienen, so auszusehen, als wären sie aus einem Handbuch für Schlägertypen entsprungen. Einige waren bewaffnet, aber nur ein Einziger hatte seine Pistole auch gehoben und auf Louise gerichtet. Vermutlich verließen sie sich auf ihre Muskeln und ihre schiere Überzahl.
    Lena hoffte, dass es kein tödliches Erwachen für ein paar von ihnen geben würde. Oder alle.
    Dann trat eine untersetzte Gestalt aus der Reihe hervor, und Lena begriff nicht nur, dass Louise sie belogen hatte, sondern auch, wie entsetzlich falsch sie die Situation bisher eingeschätzt hatte.
    Sie musste nicht fragen, um zu wissen, dass sie Stepan gegenüberstand. Er war deutlich älter als der Rest seiner Schlägerbande, ein dunkelhaariger Mann um die vierzig, der durchdringende schwarze Augen hatte und auf eine brutale Art durchaus attraktiv aussah. Unter seinem Maßanzug verbargen sich nichts als perfekt durchtrainierte Muskeln. Seine Fingernägel waren schwarz lackiert, und außerdem war er ein Vampir. Sie wusste es einfach.
    Louise warf ihr einen beschwörenden Blick zu und wandte sich dann

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