Zigeunerstern: Roman (German Edition)
Mittelalters. Sogar ich selber bin das. Sogar ihr – trotz all eurer modernen modischen fortschrittsgläubigen Anmaßung. Warum also nicht den einen oder anderen kleinen Kerker beibehalten? Man kann ja schließlich nie wissen, wann so etwas mal wieder gebraucht wird? Sich einmal als nützlich erweist – selbst in diesem modernen Zeitalter? Besonders in diesen modernen Zeiten.
Ich machte es mir in meinem Verlies bequem, als wäre es die eleganteste Luxussuite in einem der Hotels auf den Königlichen Welten. Mich überkam fast ein Gefühl, wie wenn ich in ein altes, langvertrautes Nest heimgekehrt wäre. Schon als ich vor Jahrzehnten zum ersten Mal einen Blick in dieses Loch geworfen hatte, war es mir als vertraut erschienen. Ich hatte damals sofort gewusst, dass dieser Kerker eines Tages meine Wohnung sein werde. Eine Vorahnung. Ein kleiner Hüpfer, wie bei unseren Leuten keineswegs ungewöhnlich, über die Zeitschranken hinweg. So kam es denn, als ich mich schließlich mit der Örtlichkeit vertraut machte, dass dies in einem Gefühl stattfand, als werde hier und jetzt der Schlussstrich unter eine geschäftliche Transaktion gesetzt, die lange Zeit unerledigt in den Kontobüchern mitgeschleppt worden war.
Gewiss, mein Verlies war nicht gerade eine großartige Wohnung. Das sind Kerker selten. Mein Loch lag etwa fünf, sechs Zentimeter über dem Grundwasserspiegel und war entsprechend nasskalt. Unter dem Haus des Königs auf Galgala fließt nämlich ein unterirdischer Strom. Und die Oubliette lag genau darüber. Am unteren Ende des Verlieses lief ein rasches Rinnsal über den steinernen Boden, und selbst in diesem kargen Licht besaß das Wasser einen angenehmen Schimmer. Es war mit gelösten Goldpartikeln durchsetzt, wie eben alles auf Galgala. Sogar die Wände meiner schmalen Gefängniszelle steckten voller Gold. Und ich vermute, wenn es die Alte Erde im Mittelalter gewesen wäre, anstatt dieses phantastischen futuristischen Galgala, ich hätte mir gewiss durch Bestechung die Freiheit aus meinem Loch erkaufen können – nach etlichen dreißig Jahren –, indem ich mit Hilfe meiner Kerze oder sonst wie das Gold aus meinen Kerkermauern herausgeschmolzen hätte. Aber schließlich befand ich mich ja auf dem märchenhaften Galgala der Zukunft, wo es überall Gold im Überfluss gibt, und es war ebenso unwahrscheinlich, dass sich meine Bewach er von diesem hübschen gelben Metall bestechen lassen würden, wie ich sie hätte mit einem Becher voller Luft kaufen können.
Shandor hatte mir Schlangen und Reißkröten versprochen, die mir unten als Gesellschaft dienen sollten. Was die Reißkröten angeht, machte er seine Offerte nicht wahr, und mir war das sehr recht so. Die Biester haben nämlich unangenehme Zähnchen mit Widerhaken, und als Zimmergenossen sind sie ausgesprochen eklig. Aber eine Schlangenfamilie wurde mir zuteil, ganz wie versprochen. Es waren schmale grüne Tiere mit Goldaugen – groß und golden, eben der Galgala-Geschmack – und sie hausten in einem Spalt in der Mauer und kamen von dort ab und zu heraus und glitten umher. Sie sahen weder gefährlich aus noch feindselig, allerdings hege ich den Verdacht, dass die Ratten, die in den Gängen jenseits der Mauern lebten, darüber ganz anders dachten. Ab und zu präsentierte sich nämlich eine ›meiner‹ Schlangen mit einem rattenförmigen Wulst in der Leibesmitte. Und diese Ratten, die Shandor überhaupt nicht erwähnt hatte, waren nun wahrhaftig ein Ärgernis. Sie besaßen kleine schwarze Knopfaugen und eklige nadelartige schimmernde Zähne, die im Finstern bläulichviolett leuchteten. Hin und wieder huschte eines dieser Tierchen über mich hinweg, wenn ich dalag und zu schlafen versuchte, und wenn ich dann ein Auge öffnete, sah ich das winzige scheußliche Glühen die Schwärze durchdringen. Ich stellte mir vor, wenn ich einigermaßen freundlich den Schlangen gegenüber wäre, würden diese die Ratten davon abhalten, bei mir vorbeizuschauen, und das klappte auch meistens ganz gut. Ich streichelte und kitzelte also die Schlangen, bot ihnen Brocken von meinem Essen an, erzählten ihnen Geschichten aus den Swatura und sang ihnen traurige Balladen mit meiner allersüßesten Stimme vor. Dennoch blieben meine Nächte nicht vollkommen rattenfrei, und es gab ein paar unangenehme Augenblicke.
Daneben hatte ich auch Insekten, ein ganzes Sortiment unterschiedlichster Größen und Formen, und etwas, das ich als kriechenden schleimigen Schimmel bezeichnen möchte
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