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Zigeunerstern: Roman (German Edition)

Zigeunerstern: Roman (German Edition)

Titel: Zigeunerstern: Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Robert Silverberg
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und das wahrscheinlich gigantische Protozoen waren, die in hektischen Runden über die Wände rannten – und manchmal auch über mich weg. Ich verfüge über ein ausgezeichnetes Sehvermögen, aber dennoch konnte ich sie kaum entdecken, und manchmal dachte ich, dass ich sie mir nur einbildete. Und ein andermal wieder, dass sie real seien. Sie waren durchscheinend und hatten radähnliche Gliedmaßen. Außerdem erregten sie mir einen Niesreiz, und den bildete ich mir nicht ein.
    Das Essen kam etwa zweimal täglich – es war schwer, den Zeitablauf zu bestimmen, denn es gab hier ja keine Fenster; es wurde von Roboter-Schließern gebracht, die niemals ein Wort sprachen, sondern nur das Tablett durch den Schlitz in der Tür schoben. Es waren keine besonders guten Speisen. Doch andererseits verhungerte ich auch nicht. Mehr kann ich darüber nicht sagen: Ich verhungerte nicht. Im späteren Verlauf meiner Haft verbesserte sich die Qualität des Essens beträchtlich, wie ich gleich beschreiben werde.
    Gefoltert wurde ich nicht. Keine Streckbank, keine Daumenschrauben, keine Inquisitoren kamen, um mich zu bedrohen und einzuschüchtern. Es gab überhaupt keine Besuche. Vielleicht sollte darin meine Folter bestehen, denn ich bin wahrhaftig ein Mensch, der gern Gesellschaft hat. Natürlich hatte ich meine Schlangen und konnte mit ihnen reden, und sogar mit dem Ungeziefer und dem Schimmelschleim sprach ich, wenn es mir wirklich zu einsam wurde. Außerdem gab es natürlich die Möglichkeit des Herumgeisterns, was zu verhindern nicht in Shandors Macht lag. Also tat ich das ziemlich ausgiebig. Ich verbrachte in der Tat genauso lange draußen auf Spukreisen, wie ich in meiner Zelle hauste. Es half.
    Ich nahm an, dass Chorian sich von Galgala abgesetzt hatte, sobald ihm klar geworden war, dass ich von der Unterredung mit Shandor nicht zurückkehren würde. Er wusste, dass ich höchstwahrscheinlich in Haft gesetzt werden würde, und ich hatte ihn einen äußerst furchtbaren Eid schwören lassen, um zu verhindern, dass er irgendwelche aberwitzigen Rettungspläne ausheckte. »Ich bin hierher gekommen, um gefangengenommen zu werden«, sagte ich zu ihm. »Nicht, um getötet zu werden oder an deinem Tod schuld zu sein. Dein Auftrag ist es, von hier zu verschwinden und die Botschaft zu verbreiten, dass der niederträchtige Usurpator und Thronräuber Shandor seinen eigenen Vater, Yakoub, den heißgeliebten Roma-König, in den Kerker geworden hat. Ich will, dass alle Welten des Imperiums erfahren, was der Hund getan hat. Hast du mich verstanden, Chorian?«
    Chorian verstand sehr gut. Unseligerweise gelang es ihm aber nicht, sich von Galgala abzusetzen, um die Nachricht zu verbreiten, denn Shandor hatte ihn überwachen lassen, und Shandor verfügte noch über ein paar weitere Kerkerzellen. Dies fand ich jedoch erst viel später heraus, und hier lag die Erklärung dafür, warum es so lange dauerte, bis es zu einer öffentlichen Reaktion auf meine Verhaftung kam. Früher oder später dämmerte natürlich Polarca und Damiano und den übrigen, was uns beiden zugestoßen sein musste, und sie setzten die Meinungskampagne in Gang. Aber das dauerte eben einige Zeit.
    Nun, Zeit hatte ich ja. Aber selbst ich kann schon mal gelegentlich die Geduld verlieren.
     
     
    10
     
    Vor langer Zeit lebte ich einmal auf Duud Shabeel, einer ziemlich rückständigen Welt, auf der bizarre Religionsfanatiker sich eine seltsame Kolonie aufgebaut hatten. Anthropologen würden ihre Praktiken der Selbstgeißelung und sogar der Selbstverstümmelung wohl ganz und gar faszinierend finden, mir persönlich jedoch verursachten sie überwiegend Ekel und Widerwillen. Andererseits sind die Kolonisten wundervolle Kunsthandwerker, und ihre Webstücke sind in der ganzen Galaxis sehr begehrt. Und aus diesem Grunde war ich dort. Um des schnöden Gewinns willen verbrachte ich zwei oder drei Jahre unter diesen Leuten und baute mir Lagerbestände ihrer Produkte auf, um diese auf Marajo und Galgala und Xamur zu verkaufen.
    Nach einer Weile hielt ich das Leben in ihrer Hauptstadt und ihre unendlich wiederholten Rituale von Quälerei und Selbstkasteiung und Askese nicht mehr aus. Ich übergab meinem Partner die Leitung unseres Handelsposten und zog los, um ein paar Monate ganz allein in jener ausgedehnten Wüste zu leben, die sich westlich der bewohnbaren Zone auf Duud Shabeel ausdehnt. Und dort wurde ich Zeuge eines bemerkenswerten Vorgangs.
    Es lebt nämlich in dieser Wüste ein kleines

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