Zigeunerstern: Roman (German Edition)
nicht ein Wort gesagt. Schließlich hatte ich ihn ja stets irgendwie beschützt, wie unverschämt er auch über die Stränge geschlagen haben mochte. Er war fast so etwas wie ein Stück von mir, schamlos, liederlich, ausschweifend und hemmungslos, aber dennoch ein Stück von mir. Und man geht schließlich nicht hin und hackt sich den eigenen Arm ab, nur weil er zugreift und die Kaiserin in den Hintern zwickt, während deine Aufmerksamkeit anderwärts abgelenkt ist.
Zigeunerstern? Die Sonne der Roma?
»Ich habe die versengten Berge gesehen«, hatte Valerian gesagt. »Ich habe die zerschmolzenen Täler gesehen. Ich hielt die Asche des Zigeunersterns in meinen Händen, Yakoub.«
Mir war schlecht vor Neid und Verlangen, vor Zorn und vor Freude. Ich war wütend auf ihn, weil er mich nicht gebeten hatte, mit ihm zu fliegen, wann immer er diese frevelhafte Expedition durchgeführt hatte. Ich hätte es natürlich abgelehnt – ja, ich hätte ihm mit lebenslänglicher Haft gedroht, falls er diese Reise durchzuführen versucht hätte, sobald ich einmal Kenntnis von seinem Plan hatte, und bei Gott und allen Seinen Dämonen, ich hätte meine Drohung wahrgemacht. Aber trotzdem wünschte ich mir, er hätte mich aufgefordert, wünschte, ich wäre mit ihm dort gewesen. Um mit eigenen Augen zu schauen, dass dies alles wahr und wirklich sei, um die Asche durch meine Finger rieseln zu lassen. Ich hatte einen Geschmack wie von Galle im Mund, so stark wünschte ich mir, ich hätte mit Valerian fliegen können. Kein Wunder, dass ich Valerian stets beschütze. Ich bin ebenso leichtfertig wie er. Schlimmer. Ich gebe vor, das Gesetz mit allen Mitteln zu wahren. Die Gesetze und Das Gesetz. Er tut, was ihm gefällt, ohne Heuchelei, Vorwände und faule Tricks. Wer ist der moralisch Anständigere – der Räuber oder der Heuchler?
Roma-Stern – Zigeunersonne!
Fast hatte ich das Gefühl, dass mir die Brust vor wundervoller Erregung zerspringen müsse. Der Kopf drehte sich mir so rasend, dass ich fürchtete, er könnte sich von meinen Schultern lösen. Mir war nach Weinen, Tanzen, Singen zumute.
Ich habe die versengten Berge gesehen … die zerschmolzenen Täler.
Ein wahnsinniger Schwindel erfasste mich, und ich begab mich spontan auf einen Geistertrip, schleuderte mich selbst wie einen rasenden Meteor in die Finsternis auf einer Taumelbahn ziellos durch den Kosmos. Ich flog hierhin und dorthin und vor und zurück, überall hin: Xamur, Megalo Kastro, Nabomba Zom, Vietoris, sogar in die Hauptstadt. Aber nichts gewann Tiefenschärfe. Nichts hielt lange genug still. Ich stürzte im freien Fall, ohne Verankerung in Zeit und Raum, geworfen von einem Sturmwind, der ungezähmt aus meiner Seele aufgestiegen war.
Eine Szene aber wiederholte sich immer wieder. Anfangs waren es nur Fragmente, dann gelang es mir, sie festzuhalten, und ich begab mich hinein, um festzustellen, was es war und wo und wann ich war. Gesichter zogen an mir vorbei. Damiano, Valerian, die Phuri Dai. Eine Reihe von Krisatoren – mit ernsten Gesichtern in der Halle des Gerichts. Also war ich noch auf Galgala? Aber wann? Sie sahen allesamt viel jünger aus, Valerian, Damiano, alle. Schau, dort war ich ja selbst, ich saß im Stuhl des Königs und hörte mir die Beratung an. Auch ich wirkte jünger. Nicht jünger im Gesicht, sondern die Augen waren jünger.
»Ich habe nie in meinem Leben bewusst einem Rom Schaden zugefügt«, sagte Valerian gerade. Er war bleich, Angstschweiß im Gesicht. Sein Schnurrbart hing trübselig herab. »Ich ersuche das Gericht, zu berücksichtigen, dass meine Seele stets und immer getreulich dem Weg gefolgt ist. Möge Gott mir die Zunge aus dem Hals reißen, wenn ich je falsches Zeugnis gegeben habe.«
Er wand sich wie etwas, das auf eine Harpune gespießt wurde.
Valerians Verhandlung, ja. Dieser uralte Fall, wo er vor dem Großen Kris angeklagt worden war.
Dann schwankte alles, und einen Augenblick lang trieb ich ab, glitt dahin wie ein Stein auf dem Eis, hinüber in irgendeine andere Epoche in irgendeinem anderen Quadranten der Galaxis. Möglicherweise war es die Erde, obgleich es ebenso gut auch Barma Darma oder Duud Shabeel sein mochte. Ich holte mich wieder zurück. Ich wollte Valerians Verhandlung weiterverfolgen.
Diesmal hatten sie ihn schwer am Wickel, nicht wegen Piraterei, sondern wegen sittenwidriger Verkaufspraktiken. Während ich dort schwebte, fiel mir alles wieder ein. Die Anklage warf ihm vor, einen mit Belisoogra-Öl beladenen
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