0679 - Der Blutbrunnen
röhrender Ruf durch den Ort.
Es dauerte eine Weile, bis der Wagen ansprang, dann quoll eine dunkelgraue Wolke über die kleine Mauer am Gotteshaus hinweg und verteilte sich in der klaren Luft.
Es war der Pfarrer gewesen, der starten wollte. Der soll sich auch mal einen anderen Wagen kaufen, dachte Trachet, bevor er rechts einschwenkte, um auf die Tür des Gasthauses zuzulaufen.
Es war ein altes Gebäude. Auf den Hauswänden wuchs dunkelgrünes Moos, von dem jetzt aber nichts zu sehen war, weil der Schnee daran klebte.
Jean nahm die flache Mütze ab, als er den Gastraum betrat. »Bonjour, Luc, schon eifrig?«
Der Wirt hockte an einem Tisch, grinste und schaute zu, wie der Gast seinen Mantel auszog. Er hängte ihn an einen Haken, dicht neben dem bulligen Kachelofen. Er trug bereits seinen schwarzen Anzug, der leider viel zu eng geworden war.
»Du kommst zum Frühstück gerade recht, Jean.«
»Ich wollte auch bei dir essen.«
Der Wirt erhob sich. Er hatte schwarzes Haar, das er stets nach vorn in die Stirn kämmte. Sein Gesicht glänzte immer, als wäre es mit Creme eingerieben worden. Der breite Mund hätte einem Clown eher gepaßt als einem Menschen.
»Wo gehst du denn hin?«
»Frühstück holen.«
»Und deine Frau?«
Der Wirt winkte ab. »Vergiß sie, Jean. Sie wollte heute noch nicht aufstehen.«
»Ja, ja, immer die Weiber.«
»Du hast es gut, deine ist weg.«
Jean Trachet setzte sich an den Tisch seines Freundes und warf einen Blick in die Zeitung. Er kam nicht einmal dazu, eine Seite zu lesen, denn Luc kehrte mit einem gefüllten Tablett zurück.
Der Kaffee wurde in großen Tassen serviert, die Milch war frisch, die Croissants ebenfalls. Butter und Konfitüre gab es auch, und mehr brauchten die Männer auch zu dieser Zeit nicht.
Selbstverständlich drehten sich ihre Gespräche einzig und allein um das Thema des Tages, die Beerdigung der vier getöteten Menschen, und sie kamen auch auf den oder die Mörder zu sprechen, wobei keiner von ihnen eine Lösung wußte. Der alte Fluch, die alte Rache mußte akzeptiert werden, denn ein anderes Motiv konnte sich keiner von ihnen vorstellen. Das war auch die allgemeine Ansicht im Ort.
Sie tranken den Kaffee, zerbröselten die Croissants und kamen auf Veronique Blanchard zu sprechen, der Jean eigentlich nicht viel zutraute.
Luc dachte anders. Er hob den Zeigefinger und schürfte gleichzeitig den Kaffee, den er mit viel Milch versetzt hatte. »Täusche dich nicht in ihr, Jean.«
»Wieso?«
»Die Kleine hat Courage.«
»Kleine ist gut.«
»Du weißt schon, wie ich das meine. Sie ist auch nicht zerbrochen, als ihr Mann umkam.«
»Das hier ist etwas anderes.« Trachet bot Zigaretten an. Es waren die Schwarzen ohne Filter, die gern von beiden Männern geraucht wurden. Es entstand eine Pause; sie rauchten und schwiegen. Irgendwo tickte eine Uhr. Das Geräusch war überlaut zu hören.
»Und was will sie erreichen?«
Luc, der Wirt, hob die Schultern. »Sie wollte Hilfe holen. Sie ist weit gefahren, und sie hat berichtet, daß sie einen Mann kennt, der diesem Ort noch etwas schuldig ist.«
Trachet konnte nur staunen. »Verflucht noch mal, woher weiß sie das alles?«
»Da fragst du mich zuviel. Wie ich dir sagte, sie ist eben etwas Besonderes.«
»Ja«, murmelte der Schreiner, »Ist mir gar nicht so aufgefallen.« Er spitzte die Ohren, als er Schritte hörte, und nahm auch eine gespannte Sitzhaltung ein.
»Meine Alte«, murmelte der Wirt.
»Dann will ich mich verziehen. Wenn die mich hier hocken sieht, ist für dich der Tag wieder gelaufen.« Beide mochten sich nicht, und Luc verzog den Mund zu einem Grinsen. Zu bezahlen brauchte der Schreiner das Frühstück nicht. An der Tür verabredeten sie sich für die Beerdigung, dann verschwand Trachet.
Er wollte in seine Schreinerei gehen und noch einmal nach den vier Särgen schauen. Sie würden später auf einen Wagen geladen und zum Friedhof gefahren werden. So war es vorgesehen, so lief es immer ab, und niemand dachte daran, das zu ändern.
Die kleine Schreinerei wurde von Trachet allein betrieben. Wenn er viel zu tun hatte, stellte er tage- oder wochenweise Hilfen ein, ansonsten schaffte er den Job ohne Mitarbeiter. Früher hatte er auch noch Boote ausgebessert, das brauchte er schon seit Jahren nicht mehr. Als Erinnerung stand noch ein altes, kieloben gelegtes Fischerboot vor seinem Haus.
In Coray verschloß niemand seine Türen, auch Jean hatte den Eingang offengelassen. Er drückte die Tür nach innen
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